Bericht: A. Müllerschön

7. Jahrestagung des Arbeitskreises Wehrmedizin der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde

Im Rahmen des letztjährigen Deutschen Zahnärztetages mit dem Titel „Misserfolge – erkennen, beherrschen, vermeiden“, der am 9. und 10. November in Frankfurt am Main stattfand, führte der Arbeitskreis Wehrmedizin der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) seine 7. Jahrestagung durch.

Photo Nach Begrüßung der Teilnehmer durch den stellvertretenden Vorsitzenden des Arbeitskreises, Flottillenarzt d. R. Prof. Dr. Peter Pospiech, beleuchtete Oberstarzt Dr. Michael Lüpke (Abteilung XXIII – Zahnmedizin des Bundeswehrkrankenhauses Hamburg) in seinem Vortrag die „Möglichkeiten der Wehrmedizinischen Forschung in der Bundeswehr“. Zunächst ging er auf die in der entsprechenden Bereichsvorschrift definierten und für die Zahnmedizin in Frage kommenden Forschungskorridore ein. Am Ende seiner Ausführungen erläuterte er anhand eines Ablaufdiagrammes den Beantragungsweg eines Forschungsprojektes.

Prof. Dr. Dr. Peter Proff (Direktor der Poliklinik für Kieferorthopädie der Universität Regensburg) stellte unter dem Titel „Präprothetische Kieferorthopädie beim Erwachsenen: Im Spannungsfeld zwischen Möglichkeiten, Notwendigkeit und Wünschen“ das therapeutische Vorgehen bei verschiedenen klinischen Ausgangs­situationen dar. In den letzten Jahren kam es zu einer regelrechten Verschiebung der Patientenstruktur. Heutzutage beträgt der Anteil erwachsener Patienten bereits 30 %, bei denen überwiegend ästhetische statt funktionelle Ursachen als Begründung für einen Therapiewunsch angegeben werden. Dies führt zu veränderten präprothetischen Ausgangsituationen, wozu beispielweise durch Aging veränderte Knochenstruktur, vermehrte Rezessionen, verringerte Zahnanzahl, erhöhter Knochenverlust, Farbveränderungen und ein unregelmäßiger Gingivaverlauf zählen. Aus diesen Gründen ist immer ein interdisziplinäres Vorgehen nahezu aller zahnmedizinischer Fachbereiche angezeigt, um die therapeutischen Möglichkeiten im Hinblick auf das Hauptanliegen der Patienten zu analysieren. Bedingt durch die bereits genannten morphologischen Veränderungen benötigen kieferorthopädische Behandlungen bei älteren Patienten mehr Zeit, gleichzeitig treten häufiger Komplikationen auf. Anschließend illustrierte der Referent mittels zahlreicher Kasuistiken Therapieoptionen bei verschiedenen Ausgangssituationen (beispielsweise Schließen und Öffnen von Lücken, Aufrichten von Zähnen und vertikale Probleme).

Oberstabsarzt Dr. Konstanze Diekmeyer aus dem Sanitätsversorgungszentrum Germersheim beleuchtete unter dem Titel „Humane Papillomaviren und ihre Bedeutung in der Zahnmedizin – ein Update“ die verschiedenen Virustypen sowie die damit assoziierten Erkrankungen. Die Übertragung der Humanen Papillomaviren (HPV) erfolgt per Hautkontakt – nach Eindringen über Mikroverletzungen infizieren sie die dermalen Basalzellen. Während die „low-risk HPV“ vor allem Papillome und Kondylome im Aerodigestivtrakt hervorrufen, verursachen „high-risk HPV“ überwiegend Präkanzerosen und Karzinome im Ösophagus, Zervix oder Anus. Anschließend bewertete die Vortragende einige der aktuell verfüg­baren Testverfahren. Ein Manko der meisten diagnostischen Hilfsmittel ist ihre mangelnde Differenzierung zwischen Präkanzerosen, Karzinomen oder transienten Infektionen. Trotz der in der Vergangenheit oft kritischen Bewertung der HPV-Impfung für Jungen empfiehlt die Ständige Impfkommission des Robert-Koch-Instituts diese mittlerweile ausdrücklich – erklärtes Ziel ist dabei die Reduktion der Krankheitslast für HPV-assoziierte Tumore.

Im vierten Vortrag „Geführte Implantologie: Die Bohrschablone für den Experten oder doch mehr?“ stellte Oberfeldarzt Priv.-Doz. Dr. Marcus Stoetzer (Sanitätsversorgungszentrum Seedorf) die Vorteile der laborgefertigten Schablonen bei Planung und Insertion von dentalen Implantaten dar. Im Gegensatz zu Scanschablo­nen, die fast ausschließlich bei der dreidimensionalen Planung Anwendung finden, kommen Bohrschablonen in der Planungsphase, bei Augmentationen, der Implantation und Freilegung von Implantaten zum Einsatz. Neben der Lagestabilität der Schiene zur eindeutigen Implantatposition zählen beispielsweise sicher verankerte metallene Führungsstifte sowie die Verwendung eines röntgenopaken Materials zu den Grundanforderungen bei der Herstellung. Aus Sicht des Referenten können derartige Schablonen einfach in die Behandlungsroutine integriert werden. Ihr Einsatz führt zu weniger Komplikationen während der Implantation, so dass sie ein wichtiges Instrument zur Qualitätssicherung darstellen. Nachteilig wirken sich sicherlich die vorher notwendige 3D-Diagnostik, höhere Kosten sowie der gestiegene Planungsaufwand aus. Letztlich hat eine kürzlich durchgeführte Studie gezeigt, dass eine gute Bohrschablone maßgeblich für den implantologischen Erfolg ist.

Den zweiten Teil der Jahrestagung eröffnete Prof. Dr. Dr. Lorenz Meinel (Institut für Pharmazie und Lebensmittelchemie der ­Julius-­Maximilians-Universität Würzburg) mit dem Vortrag „Anywhere, anytime, anywhere – 3a Diagnostika“. ­Ausgangspunkt waren theoretische Überlegungen, Krankheiten „schmeckbar“ zu machen und die „Alarmierung vom Arzt in das Wohnzimmer des Patienten zu transferieren“. Ein Team um den Vortragenden entwickelt gerade ein diagnostisches Verfahren, bei dem Kaugummi als Trägermaterial zum Einsatz kommt. Am Beispiel der Periimplantitis sollen krankheitsspezifische Proteasen einen Geschmacksstoff freisetzen, der den Patienten veranlasst, seinen Zahnarzt aufzusuchen. Dieses Verfahren, das grundsätzlich auch bei ansteckenden Krankheiten wie Ebola noch vor dem Auftreten erster Infektionsanzeichen zum Einsatz kommen kann, eignet sich hervorragend als schnelle Screeningmethode und im Auslandseinsatz.

Im abschließenden Vortrag referierte Prof. Dr. Hans-Christoph Lauer, Direktor der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik der Goethe-­Universität Frankfurt am Main, zur „Indikation, Verankerung und Langzeitbewährung von herausnehmbarem Zahnersatz auf Implantaten“. Auch wenn die Entscheidung zwischen festsitzendem und herausnehmbarem Zahnersatz immer in einer Einzelfallabwägung stattfinden muss, erläuterte der Vortragende anhand verschiedener klinischer Aspekte (beispielsweise Ästhetik, Statik der Konstruktion und Alveolarkammathrophie) zunächst, welcher Art von prothetischer Versorgung nach Auswertung von Langzeitstudien in den jeweiligen Situationen den größten Erfolg versprechen. Ferner stellte er Vor- und Nachteile einzelner Verbindungselemente dar. Dabei zeigte sich unter anderem, dass der Einsatz von Locatoren oft zu Schwierigkeiten beim Handling führt und vor allem das Herausnehmen der Prothesen Probleme bereitet. Ein großes Plus von Doppelkronen sind ihre geringen Komplikationen während der Nachsorge, so lange die vorhandenen Restzähne gut als Pfeiler integriert wurden. Abschließend gab der Referent Hinweise, ab welcher Implantatanzahl sich festsitzender oder herausnehmbarer Zahnersatz am besten eignet.

In seiner Zusammenfassung führte Prof. Dr. Pospiech aus, dass die gehaltenen Vorträge auch diesmal wieder ein breites zahnmedizinisches Spektrum umfassten und der Arbeitskreis Wehrmedizin ein wichtiges Element der zivil-militärischen Zusammenarbeit darstellt.


Verfasser:
Oberfeldarzt Dr. André Müllerschön
Sanitätsversorgungszentrum Neubiberg
E-Mail: andremuellerschoen@bundeswehr.org 

Datum: 24.09.2019

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2/2019