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Ultraschalldiagnostik in der ambulanten truppenärztlichen Versorgung zur Notfalldiagnostik von Sprunggelenksverletzungen – Chance zur „Neustrukturierung“ der Behandlungsalgorithmen?

Hintergrund
Die Durchführung radiologischer Diagnostik ist nach dem Stand vom 01.01.2015 nur in 15 regionalen sanitätsdienstlichen Einrichtungen (RegSanEinr) möglich.

Bei der in der truppenärztlichen Sprechstunde sehr häufig zu behandelnden Distorsion des oberen Sprunggelenks (OSG) wird deshalb gem. geltender S- PhotoAbb. 1: Untersuchung von Fibula (links) und Tibia (rechts) Leitlinien zum sicheren Frakturausschluss auf die klassische Röntgenuntersuchung (meist in zivilen radiologischen Praxen) zurückgegriffen – mit der Folge damit verbundener Kosten, zeitlicher Verzögerung der Diagnostik und zusätzlichem Aufwand für Transportleistungen. Auch sinkt im Einzelfall die Bereitschaft des Truppenarztes zur Durchführung einer subtilen klinischen Differenzialdiagnostik, da eine radiologische Diagnostik zur beweisenden Diagnose notwendig ist. Letztlich entsteht damit für behandelnden Truppenarzt aufgrund der lokalen Gegebenheiten in den meisten RegSanEinr bei der Verdachtsdiagnose Sprunggelenksverletzung ein Dilemma zwischen den Vorgaben der S-Leitlinie und dem Ziel einer zeitnahen kostengünstigen Patientenversorgung.

Im deutschen Sprachraum spielt die Sonografie als diagnostisches Instrument bei Sprunggelenksverletzungen bisher kaum eine Rolle. Dies spiegelt die aktuelle S2e-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie von Sprunggelenksfrakturen (Stand: 12.05.2015), welche die Sprunggelenkssonografie als „nicht erforderlich“ bezeichnet, sowie die dürftige Studienlage hierzulande wieder.

In verschiedenen internationalen Studien wurde jedoch gezeigt, dass unter Kombination der Ottawa-ankle-rules mit die Gelenks- und Knochensonografie bei hoher Sensitivitätsrate die Notwendigkeit zur Anfertigung von Röntgenbildern deutlich minimiert werden konnte.

Für unsere Untersuchung wurde daher ganz konkret die Frage gestellt, ob wir „führungs- und prozessorientiert“ unter maximaler Nutzung vorhandener PhotoAbb. 2: Stabilitätsuntersuchung Syndesmose: links kranialer Talusschub unter Syndesmosenkontrolle = Spannen der intakten Syndesmose ohne Vergrößern der Distanz zwischen Fibula und Tibia (Pfeil im Ultraschallbild unten); rechts Fibula- und Tibiakompression unter Syndesmosekontrolle, = Erschlaffen und Spannen der intakten Syndesmose Ressourcen die diagnostische Lücke bei der Diagnostik von Sprunggelenksverletzungen verkleinern und qualitativ hochwertige Ergebnisse liefern können, ohne zwingend von zivilen Einrichtungen abhängig zu sein. Kann die Sonografie als in nahezu allen RegSanEinr zu Verfügung stehendes und in Zukunft noch mobiler einsetzbares Diagnostikum für Gelenks- und Knochenverletzungen diese Lücke schließen?

Methode

Von Januar 2015 bis März 2016 wurden an den Sanitätsversorgungszentren (SanVersZ) Volkach und Altenstadt insgesamt 100 Patienten mit akuten und subakuten Sprunggelenksverletzungen untersucht. Die Untersuchungen wurden standortabhängig von insgesamt zwei SanOffz Arzt durchgeführt. Durch die unterschiedliche fachliche Vorausbildung der Durchführenden ergab sich von Vorneherein eine gewünschte Unterteilung in zwei Untersuchergruppen.

Ein Untersucher fungierte dabei – aufgrund der bereits erworbenen Zusatzweiterbildung Ultraschalldiagnostik und hinreichender Sachkenntnis – als „Erfahrener“, der andere – aufgrund fehlender Routine in der Skelettsonografie – als eingelernter „Unerfahrener“, der innerhalb eines Tages in die Untersuchungstechnik eingewiesen wurde. Durch einen standardisierten Ablauf mit Fotodokumentation der Extremität, klinischer Untersuchung, festgelegten sonografischen Schnitten über dem OSG mit eventueller Pathologie- sowie Diagnosedokumentation vor und nach der Röntgenuntersuchung wurde retrospektiv die Qualität der sonografischen Ergebnisse und Untersuchungen beurteilt.

Verdachtsdiagnosen aus klinischer und Sonografiediagnostik wurden gem. Tabelle 1 definiert:

Tab. 1: Verdachtsdiagnosen und korrespondierende Befunde, Kombinationsverletzungen möglich

Verdachtsdiagnose

Sonografische Befunde

  1. Bandverletzung
  • Kontinuitätsunterbrechung des (*fischzugartigen*) Bandapparates
  • Einblutung in Bandstrukturen
  1. Fraktur
  • Unterbrechung der Kortikalis mit scharfkantigen Ultraschallveränderungen
  • Einblutung Kortikalis-nah
  1. Instabitität der Syndesmose
  • Divergenzbewegung von Fibula und Tibia sowohl bei direkter Kompression als auch beim kranialen Talusschub

 

Nach Abschluss der Untersuchungen wurden die Ergebnisse innerhalb sowie zwischen den Untersuchungsgruppen ausgewertet.

Ergebnisse

Bei 100 durchgeführten Untersuchungen fanden sich 8 Sprunggelenksfrakturen (8 %), welche in beiden Untersuchungsgruppen korrekt identifiziert werden konnten. Nach kurzer Einarbeitungszeit hatte die Untersuchungsqualität von „Erfahrenem“ und „Unerfahrenem“ die gleiche Sensitivität. Durch exakte Einhaltung der vorgegebenen Untersuchungsabläufe ergaben sich weder falsch positive noch falsch negative Befunde, was einer Sensitivität und Spezifität von 100 % in beiden Untersuchungsgruppen entspricht.

Im Vergleich zur statischen Röntgenuntersuchung konnten beim komplexen Kombinationsverletzungen zusätzlich konkrete(re) Aussagen zu Lokalisation von Bandrupturen (z. B. bei Ruptur des Ligamentum talofibulare anterius), eine Mitbegutachtung und Aussage zur Stabilität der Syndesmoseregion sowie Aussagen zur Gefäßversorgung des Fußes erfolgen.

Schlussfolgerung

Die Untersuchung konnte die Stärken der Ultraschalldiagnostik als rasch anwendbare Alternativmethode zur Akutdiagnostik der PhotoAbb. 3: Sonografiebefund bei Weber A Fraktur Sprunggelenksverletzungen zeigen. Richtig angeleitet ist die Untersuchungsmethode und Deutung von Fraktur- oder Rupturzeichen in der Sonografie gut, schnell und korrekt erlernbar. Im Vergleich zu statischen Röntgenuntersuchungen, aber auch zur deutlich teureren MRT-Diagnostik, können konkrete(-re) Aussagen zum Verletzungsmuster, angefangen von der klassischen Distorsion, über die Bandruptur bis hin zur Fraktur mit oder ohne Syndesmosen – oder Gefäßverletzung erfolgen – und dies bei deutlich geringerem Kosten- und Zeitaufwand für Patienten, aber auch behandelnde Ärzte.

Darüber hinaus wurde die Methode exemplarisch bereits mit ähnlichem Erfolg bei Verletzungen in den Endabschnitten der Extremitäten, d. h. für Finger und Zehen, im Rahmen der truppenärztlichen Sprechstunde angewendet. Auch hier konnten vergleichbare Ergebnisse erzielt werden, die das enorme Potenzial für die Nutzung der Sonografiediagnostik in den RegSanEinr aufzeigen.

Insgesamt stellt sich aufgrund der positiven Ergebnisse die Frage, ob und inwiefern in Zukunft diese diagnostische Vorgehensweise als Alternativdiagnostik akzeptiert werden kann, letztlich ggf. auch, wie hoch der Stellenwert einer Fort-/Aus-/ Weiterbildung zur (Extremitäten-)Sonografie für die Truppenarzttätigkeit der Zukunft ist. PhotoAbb. 4: Weber C Fraktur: Sonografie (links) und Röntgen im Vergleich, die Frakturregion ist markiert.

Ausblick:

Um die Stärken und Einsatzmöglichkeiten für die Ultraschalldiagnostik von Frakturen weiter zu evaluieren, erfolgt unter Anleitung jetzt die Ausweitung und Einbringung der Untersuchungsmethode als Studie in den hospitalen Notaufnahmebereich eines Bundeswehrkrankenhauses. Ziel hierbei ist die Schaffung einer breiteren Datenbasis für die Sprunggelenksverletzungen sowie die Erweiterung des Verfahrens für Finger-, Hand-, Zehen- und Fußverletzungen.








Literatur:

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Bildquellen: SanVerZ Altenstadt; Abb 4 rechts: Dr. Buchner, Schongau

Für die Verfasser[1]
Oberstabsarzt Dr. med. Kevin Dallacker-Losensky

Email: kevinlosensky@bundeswehr.org

 

[1] Die Arbeit wurde von beiden Autoren in gemeinsamer Erstautoreneigenschaft erstellt

Datum: 09.12.2016

Quelle: Wehrmedizinische Monatsschrift 2016/11