„CONRAD 2019“ – KONGRESSBERICHT
Artikel: Wehrmedizinische Monatsschrift 8/2019

„CONRAD 2019“ – KONGRESSBERICHT

23. Medizinische A-Schutz-Tagung - „Preparedness, Response, Protection and Research“

Tanja Popp*, Christian Siebenwirth*

Zur 23. Medizinischen A-Schutz-Tagung, die vom 14. bis 16. Mai 2019 an der Sanitätsakademie der Bundeswehr in München stattfand, hatten mehr als 200 Experten[1] aus 31 Nationen den Weg in die bayerische Landeshauptstadt gefunden.

PhotoUnter strahlend weiß-blauem Himmel fanden sich die Teilnehmenden der ConRad 2019 im Innenhof der Sanitätsakademie zum Gruppenfoto ein. Die „ConRad 2019“ (Global Conference on Radiation Topics – Preparedness, Response, Protection and Research), zu der wie in der Vergangenheit das Institut für Radiobiologie der Bundeswehr (InstRadBioBw) eingeladen hatte, fokussierte auf den internationalen, umfassenden zivilen wie militärischen Austausch im Bereich des medizinischen radionuklearen Notfallschutzes.

Die Teilnehmenden konnten im Rahmen von 64 wissenschaftlichen Vorträgen und 46 Posterpräsentationen sowie beim Konferenzdinner einen intensiven fachlichen Austausch pflegen und wissenschaftliche Netzwerke auf- und ausbauen.

Kongresseröffnung

PhotoDas Leben in radioaktiv kontaminierten Regionen stand im Mittelpunkt der ersten Key Session. Generalarzt Dr. Hans-Ulrich Holtherm, Direktor Wehrmedizinische Wissenschaft und Fähigkeitsentwicklung Sanitätsdienst, hieß die Teilnehmer willkommen und dankte abschließend Oberstarzt Prof. Dr. Matthias Port für die engagierte Arbeit dessen Teams, dem es zum wiederholten Male gelungen sei, eine derart gut besuchte und international hochkarätig besetzte Tagung zu organisieren. Im Anschluss übergab er das Rednerpult an Prof. Dr. Johann Wilhelm Weidringer, den Vorsitzenden der bayrischen Landesärztekammer. Dieser stellte bei seinem Grußwort die gute Verbindung zwischen der bayrischen Ärztekammer und dem InstRadBioBw besonders heraus – unterstrichen durch die Übergabe einer Ehrennadel an Prof. Dr. Port.

Bei der Einführung in die Tagung gab Oberstarzt Prof. Dr. Port seiner Freude über die große internationale Resonanz Ausdruck. Darüber hinaus begrüßte er ganz besonders die an der Konferenz teilnehmenden Studierenden des internationalen Masterkurses „Radiation Biology“ der TU München: „Ihre Anwesenheit hier zeigt uns, dass Sie begierig darauf sind als neue Generation, unseren Fachbereich mit weiter zu entwickeln!“

Mit dem Hinweis, dass die diesjährige Konferenz auch unter dem Motto „ConRad goes green“ stehe, bat er um Unterstützung für diese Initiative, indem er die Anwesenden aufforderte, den für die Tagung entworfenen wiederverwendbaren Kaffeebecher zu den Pausen mitzubringen, um Plastikmüll zu vermeiden. Abschließend wünschte er den Teilnehmenden eine spannende und erfolgreiche Tagung. Bei einer kurzen Pause vor Beginn des wissenschaftlichen Teils fanden sich die Teilnehmenden zum obligatorischen Gruppenfoto zusammen.

Key Session „Living in contaminated areas“

PhotoRegionale biodosimetrische Netzwerke stellte Dr. Oestreicher vom Bundesamt für Strahlenschutz in Oberschleißheim den Teilnehmenden vor. Besonderes Augenmerk erhielt die Vortragsreihe zum Leben in kontaminierten Gebieten, was z. B. große Teile Weißrusslands (20 %) betrifft, die durch den Unfall in Tschernobyl kontaminiert wurden. Dabei stellte Dr. Anne Nisbet (Großbritannien) die momentan von der Internationalen Strahlenschutzkommission (ICRP) empfoh-lenen Strahlenexpositionsreferenzwerte vor und be-leuchtete deren Grundlage. Dr. Florian Gering (Oberschleißheim) zeigte, wie seine Arbeitsgruppe aus Strahlendosismessungen in der Umwelt individuelle -Dosisabschätzungen und das damit verbundene Gesundheitsrisiko berechnet.

Einen Überblick über die aktuelle Situation der Bevölkerung in Weißrussland und deren Bemühungen die Aufnahme von Radionukliden aus den kontaminierten Böden zu minimieren, gab Prof. Victor   Averyn (Weißrussland). Dr. Kasper Andersson (Dänemark) ergänzte dieses ideal mit seiner Zusammenfassung von Dekontamina-tionsmethoden von Böden und Häusern und deren -Effektivität. Er zeigte auf, dass oft das Bewusstsein dafür, welche Methoden ihren Aufwand rechtfertigen, und weitere Aufklärung gefördert werden müssen. In diesem Zusammenhang berichtete Dr. Thierry Schneider (Frankreich) von den Projekten ETHOS und CORE, bei denen lokale Interessenvertreter in kontaminierten Gebieten einbezogen werden, um protektive Maßnahmen effektiv und nachhaltig umzusetzen. Abschließend wurde von Prof. Carmel Mothersill (Kanada) daran erinnert, dass neben dem Menschen auch die Natur von Strahlung betroffen ist und durch Exposition im Niederdosisbereich z. B. die biologische Vielfalt beeinflusst werden kann.

PhotoProf. Singh referierte zu potenziellen strahlungsspezifischen Prädiktionsmarkern. PhotoProf. Blakely gab ein Update zu den Aktivitäten des U.S. ARRI auf dem Gebiet der Biodosimetrie. Prof. Hajo Zeeb (Bremen) berichtete über Studien zu gesundheitlichen Risiken für Menschen, die in Gebieten mit hoher Hintergrundstrahlung leben. Er betonte, dass bei der Interpretation von Studien, wie sie für Indien und China durchgeführt wurden, Vorsicht geboten sei, da diese teils nur unzureichend charakterisiert seien. Insbesondere indirekte Effekte, die beispielsweise durch einen veränderten Lebensstil hervorgerufen werden, müssen zukünftig durch geeignete Biomarker und molekulargenetische Studien von den direkten Effekten der Strahlung abgegrenzt werden, war die Quintessenz aus dem Vortrag von Dr. Peter Scholz-Kreisel (Mainz). In Bezug auf die psychosozialen Belange der betroffenen Bevölkerung, zeigte der Reaktorunfall in Fukushima im Jahre 2011 auf, wie wichtig es ist, dass sowohl die Menschen vor Ort als auch medizinische Fachkräfte und Behörden in die Entwicklung von lokalen Lösungen miteinbezogen werden (Prof. Shunichi Yamashita, Japan). Dabei gilt dieses nicht nur für die Akutphase. Auch im Anschluss ist die Risikokommunikation entscheidend, um im Zuge der Gesundheitsüberwachung Unsicherheiten bei den Bürgern zu reduzieren und diese beim Umgang mit den Konsequenzen eines radiobiologischen Unfalls zu unterstützen (Christiane Pölzl-Viol, Oberschleißheim).

Konferenzdinner

Am Abend des ersten Kongresstages fand das traditionelle Konferenzdinner statt. Als Ort war eine Lokalität in Weihenstephan – seit 1040 bestehende älteste Brauerei der Welt – in Freising gewählt worden. Bei bayrischen Schmankerln wurde über die bereits gehörten Vorträge diskutiert und man hatte die Gelegenheit, sich mit Kolleginnen und Kollegen in geselliger Runde über Fachliches auszutauschen. 

Key Session 2:
“Latest development in radiation preparedness”

Die Thematik um die neuesten Entwicklungen in der -Strahlennotfallvorsorge eröffnete den zweiten Tag. Dr. -Adayabalam S. Balajee (USA) berichtete dabei von den Fortschritten beim Radiation Emergency Assistance Center/Training Site (REAC/TS), biodosimetrische Methoden zu automatisieren und z. B. durch Nutzung neuer biologischer Endpunkte wie „Premature Chromosome Condensation“ zu beschleunigen. Damit soll bei einem radiologischen/nuklearen Ereignis die zu erwartend hohe Anzahl an Betroffenen (bis zu mehreren tausend) möglichst zeitnah auf ihre mögliche Strahlenexposition untersucht werden können.

Dr. Nick Dainiak (USA) befasste sich daraufhin mit nötigen Wegen der Vernetzung von lokalen, nationalen und internationalen Kompetenzen zur Gewährleistung von schneller Triage, Transport und Behandlung von Verletzten. 

PhotoBardoxolon als ein vielversprechendes Radioprotektivum stand im Mittelpunkt des Vortrags von Stabsapotheker d. R. Herrmann. PhotoProf. Ziegler trug zu Untersuchungen mit molekularen Tracern vor, mit deren Hilfe zukünftig nicht-invasive Dosisbestimmungen möglich sein sollen.

Der von Oberstarzt Prof. Michael Abend (München) vorgestellte Ansatz zur schnellen Triage überspringt die Dosisrekonstruktion und stuft über Genexpression direkt den Schweregrad des akuten Strahlensyndroms ein. Abend geht damit einen direkteren Weg als die bisherigen biodosimetrischen Ansätze. Ähnlich geht dabei Dr. Paul Okunieff (USA) vor, der jedoch zirkulierende zellfreie DNA (cfDNA) für die Vorhersage der gastrointestinalen Toxizität nutzt. Die bei diesen Methoden automatisch berücksichtigte Strahlensensitivität von Individuen kann vielleicht bald über die Messung der genetischen Instabilität oder DNA-Reparatur vorhergesagt werden (Prof. Christian Streffer, Essen).

Auf dem Gebiet der medizinischen Gegenmaßnahmen bestätigt das schon als Radikalfänger bekannte Vitamin C seine positive Wirkung in Mäusen bei Einnahme vor und nach einer Ganzkörperbestrahlung (Dr. Manabu Kinoshita, Japan). Aber auch die neuen aus mesenchymalen Stammzellen gewonnenen extrazellulären Vesikel stellen sich zur Linderung des hämatopoetischen Syndroms (Priv.-Doz. Dr. Diane Riccobono, Frankreich) als erfolgsversprechend dar.

Zur Unterstützung der Entscheidungsfindung ermöglicht eine neue Modellierungssoftware die Abschätzung der Verbreitung von Radionukliden durch eine schmutzige Bombe in urbanem Umfeld mit einem minimalen Raster von bis zu 5 m (Dr. Kathrin Folger, Oberschleißheim).

Strahlenschutz

In diesem Teil der Session wurden aktuelle Erkenntnisse und Erfahrungen auf dem Gebiet des Strahlenschutzes behandelt. Neben einem Erfahrungsbericht zu, um Berlin auftretenden, mit I-125 gezinkten Spielkarten (Dr. Emily A. Kroeger, Oberschleißheim) wurden regionale und internationale biodosimetrische Netzwerke mit ihren -Fähigkeiten (Dr. Ursula Oestreicher, Oberschleißheim) und die Ergebnisse einer Genexpressionsstudie an mit I-131 behandelten Neuroblastom-Patienten (Prof. -Matthew A. Coleman, USA) vorgestellt. Letztere erlaubt eine Einteilung der Patienten in die Gruppen 0 Gy und >2 Gy 72 h nach Bestrahlung. Abgeschlossen wurde der Abschnitt mit der Vorstellung des Entwicklungstands eines neuen Medikaments zur Behandlung des akuten Strahlensyndroms (Dr. Maciej T. Czajkowski, Berlin) und der Problematik der Einstufung des Strahlenrisikos mit internationalen und nationalen Standards am Beispiel medizinischer Anwendungen in Russland (Dr. Vladimir Kasheev, Russland).

Strahlenunfallmanagement

Neue und teilweise schon im Feld getestete Werkzeuge wie SEED, einem handlichen Simulationsprogramm zur Dosisrekonstruktion in der Umgebung eines Strahlenunfalls (Dr. Fabrice Entine, Frankreich), oder Techniken zur schnellen Messung von ionisierender Strahlung mittels unbemannter Kleinflugzeuge (Dr. Stefan Neumaier, Braunschweig) bildeten den Schwerpunkt der Vorträge zum Thema Strahlenunfallmanagement. Daran schloss sich eine Diskussion zur Genauigkeit von biologischer Dosisrekonstruktion nach einem kritischen Unfall mit einhergehender Neutronenexposition an (Éric Grégoire, Frankreich). Abschließend stellte Prof. Oleg Belyakov (Österreich) das neue Biodosimetrie/Radiobiologie Labor der IAEA vor, dessen Auftrag, neben der Validierung von neuen Biomarkern und Techniken, die Harmonisierung von biodosimetrischen Anwendungen in der klinischen Praxis ist.

Medizinische Strahlennotfallvorsorge

PhotoAuch bei der ConRad 2019 war die Posterausstellung eine wichtige Kommunikations- und Diskussionsplattform. Hier stellt Oberstabsarzt Dr. Becker die Ergebnisse seiner Arbeiten zur Detektion radioaktiver Metallsplitter im Gewebe mittels unterschiedlicher bildgebender Verfahren vor. Das Poster wird als Kurzbeitrag in dieser Ausgabe vorgestellt. Die Vorträge zum letzten Tagesordnungspunkt „Medizinische Strahlennotfallvorsorge“ eröffnete Prof. William F. Blakely (USA) mit einem Update zu den biodosimetrischen Aktivitäten des U.S. AFFRI (Armed Forces Radiobiology Institut) zur Erhöhung des Durchsatzes an Probenanalysen. Prof. Ann Barry Flood (USA) verglich die Effektivität verschiedener Biomarker bei Triage und der Entscheidung für die richtige medizinische Behandlung. Auf dieser Grundlage wurde ein Vergleichsmodell der biodosimetrischen Methoden unter Einbeziehung ihrer Stärken, zeitlichen Aufwands, Opferzahlen und weiterer Einflussfaktoren entwickelt, das den Nutzen von spezifischen Biomarkern kritischer Organe bei Triage besonders hervorhebt.

Als mögliche Methode zur organspezifischen Dosisbestimmung stellte Prof. Harold M. Swartz (USA) die EPR-Methode (electron paramagnetic resonance) vor und präsentierte dazu Messungen an Finger- und Zehennägeln. Dr. Paul Schofield (Großbritannien) stellte die Datenbank STORE als sichere Plattform zur Datenlagerung und zum Datenaustausch, z. B. für biodosimetrische Daten innerhalb des RENEB-Konsortiums[2] bei einem Notfallszenario vor. Der Verlauf einer akuten Strahlenkrankheit nach Ganzköperbestrahlung im Hasenmodell stand im Mittelpunkt des Vortrags von Dr. Isabel L. - -Jackson (USA).

Dr. Vadim I. Krivokrysenko (USA) stellte als medizinisches Gegenmittel für die akute Strahlenkrankheit einen TLR5-Agonisten vor, bevor Dr. David L. Bolduc (USA) mit seinem Vortrag zu einem auf METROPOL basierenden Kategorisierungsalgorithmus zur Triage des hämatopoetischen akuten Strahlensyndroms am Pavianmodel den zweiten langen, aber hochinformativen, Konferenztag beendete.

Key Session 2: “Latest
development in radiation preparedness” (Teil 2)

Gesundheitliche Folgen von Strahlung und medizinische Gegenmaßnahmen

PhotoProf. Dr. Henning von Philipsborn (Regensburg, rechts im Bild) demonstrierte einen selbstgebauten Strahlendetektor – eine willkommene Gelegenheit zum „Hands on“ und zur fachlichen Diskussion für den einen oder anderen Konferenzteilnehmer. Der letzte Tag der Konferenz begann mit Vorträgen zu den neusten Forschungsergebnissen zu strahleninduzierten gesundheitlichen Folgen und zum aktuellen Stand der entsprechenden medizinischen Gegenmaßnahmen. Zunächst wurde über Erfolge im Rahmen der Bestrebungen zur Identifikation spezifischer Biomarker berichtet. So konnten im Plasma von ganzkörper-bestrahlten Patienten, die an Leukämie erkrankt waren, vielversprechende Kandidaten zur Verwendung als biologische Marker mittels Massenspektrometrie herausgefiltert werden, die sich im Moment in der Validierung befinden (Dr. Aleŝ Tichý, Tschechien). Veränderungen im Genexpressionsmuster von Arbeitern, die bei der Absicherung der Atomruine in Tschernobyl tätig waren, konnte Prof. Dimitry Bazyka (Urkaine) nachweisen. In einem nichtmenschlichen Primatenmodell war eine miRNA-Signatur zu erkennen, die strahlungsspezifisch induziert zu sein scheint und möglicherweise zukünftig auch als Prädiktionsmarker eingesetzt werden kann (Prof. Vijay K. Singh, USA).

Die anschließende Vortragsreihe beschäftigte sich mit strahlenbedingten Erkrankungen. Dabei gab Dr. Omid Azimzadeh (München) einen Überblick über 10 Jahre Forschung an kardiovaskulären Erkrankungen nach Strahleneinwirkung. Er wies darauf hin zu bedenken, dass die langjährige Forschung in diesem Bereich immer wieder gezeigt habe, dass die Erkrankungen nicht immer durch die klassischen Paradigmen der Strahlenbiologie erklärt werden können und daher die Suche nach neuen Markern noch intensiver zu verfolgen sei. Eine weitere häufige Folge von Bestrahlung stellt die Kataraktbildung dar. Neue Untersuchungen im Mausmodell zeigten, dass insbesondere jüngere Linsen von einer Eintrübung betroffen waren (Dr. Daniel Pawliczek, München), so dass gerade bei jungen Patienten eine engmaschige augenärztliche Untersuchung nach Strahlentherapie zu empfehlen ist. Die Sitzung wurde durch einen Beitrag zur verbesserten Detektion eines biochemischen Rückfalls des Prostatakarzinoms mittels 68Gallium-PSMA PET/CT abgerundet (Oberfeldarzt Dr. Manuela Hoffmann, Koblenz).

Auswirkungen von Strahlung in niedrigen Dosen

Die darauffolgende Vortragsserie eröffnete Prof. Ravil M. Takhauov (Russland) mit einem Bericht zur Risikobewertung der Entwicklung einer Tumorerkrankung in einer Kohorte von Arbeitern eines sibirischen Kernkraftwerkes. Dabei stellte man fest, dass Raucher einem signifikant höheren Risiko ausgesetzt waren als Nicht-Raucher. Im Anschluss folgte ein Vortrag über die innovative, hoch sensitive Möglichkeit der Unterscheidung von α- und β-Strahlern mittels geometrischer Analyse der DNA-Foci (Prof. Harry Scherthan, München). Prof. Sibylle I. Ziegler (München) schloss die Sitzung mit der Vorstellung eines neu gestarteten Projekts, in dem mit Hilfe von molekularen Tracern Bereiche mit starker Proliferation oder apoptotischer Aktivität dargestellt werden. Das Verfahren soll zukünftig als nicht-invasive Methode zur Dosisbestimmung beitragen.

Radiobiologie und Strahlungsphysik

Die Vortragsreihe zur Strahlenbiologie und Strahlenphysik gab der überaus erfolgreichen Tagung einen würdigen Abschluss. Der eindrückliche Bericht einer Firma aus der Altlasten- und Strahlenschutzbranche über einen industriellen Unfall mit einer Se-75 Quelle, bei dem es zur Kontamination von großen Teilen eines Gebäudekomplexes kam, machte allen Teilnehmenden noch einmal deutlich, wie aufwändig und kostenintensiv die Räumung, Dekontamination und Wiederinbetriebnahme einer solchen Betriebsstätte ist. Im Anschluss berichtete Oberstabsarzt Dr. Patrick Ostheim (München) über die Entwicklung einer neuen diagnostischen Methode zum Nachweis einer Radionuklidinkorporation. Hierbei wurde in Blutproben von Patienten, die bereits einer Bestrahlung mit Ra-233 unterzogen wurden, mittels „Next Generation Sequencing“-Technologie nach veränderten Genexpressionsmustern gesucht. Erfolgversprechende „Gen-Kandidaten“ zur Bestätigung einer Ra-223 Inkorporation werden derzeit validiert.

Überdies sind Patienten heutzutage immer häufiger wiederholt applizierten niedrigen Strahlendosen im Rahmen verschiedener diagnostischer Verfahren ausgesetzt. Daher versucht man die Auswirkungen auf zellulärer Ebene besser zu verstehen, indem spezifisch strahleninduzierte Genexpressionssignaturen in peripheren Blutzellen und Exosomen gesucht werden (Oberstabsarzt Dr. Hanns Leonard Kaatsch, München). Neben der Biodosimetrie ist auch die Medikamentenentwicklung ein stark beforschtes Gebiet. Auf der Suche nach potenten Wirkstoffen konnte das Triterpenoid Bardoxolon mit antioxidativer Wirkung als vielversprechendes Radioprotektivum identifiziert werden (Stabsapotheker d. R. Cornelius Hermann, München).

Postersession

Neben den Vortragssitzungen lud die Posterausstellung zum engeren wissenschaftlichen Austausch ein. Hier konnten auch die Studierenden des Masterstudienganges Radiobiologie der Technischen Universität München (TUM) ihre Arbeiten vorstellen. Besonders für den Nachwuchs war ConRad 2019 damit eine ausgezeichnete Gelegenheit, auch persönlich fachliche Kontakte in die „etablierte“ internationale Scientific Community zu knüpfen. 

Das Spektrum der dargebotenen wissenschaftlichen Informationen reichte von der Qualitätssicherung bei Strahlenmessgeräten über Genexpressionsmessungen nach Bestrahlungen mit hohem oder niedrigen linearen Energietransfer (Hoch- und Niedrig-LET-Bestrahlung), Messungen von Translokationen bei französischen Militärangestellten bis hin zu der Vorstellung des österreichischen medizinischen Notfallaktionsplans. Für eine willkommene Abwechslung sorgte dabei die lebendige Vorstellung eines selbstgebauten Strahlendetektors mit zugehörigen Testquellen durch Prof. Dr. Henning von Philipsborn (Regensburg), an dessen Tisch sich der ein oder andere Interessent zum „Hands on“ und zur Diskussion niederließ.

Beispielhaft sind Extended Abstracts von 3 Postern, die mit Beteiligung deutscher Autoren erstellt wurden, auf den folgenden Seiten abgedruckt.

Verabschiedung und Ausblick

Zum Ende der Konferenz richtete Herr Oberstarzt Prof. Dr. Port noch einmal das Wort an das Auditorium. Er stellte heraus, dass auf dieser Konferenz wieder einmal mit höchster Aktualität und Relevanz für den militärischen Bereich wie für die zivile Seite der Stand der Forschung auf den Gebieten des medizinischen Strahlenunfallmanagements und des Strahlenschutzes sowie aus den Bereichen Strahlenbiologie/-physik und Strahlenmedizin dargeboten wurde. Er konstatierte, dass Veranstaltungen wie die ConRad einen unverzichtbaren, elementaren Beitrag für die internationale Kooperation der Forschung leisten, getragen von dem gemeinsamen Ziel, Soldaten und Zivilbevölkerung vor den Wirkungen nuklearer und radiobiologischer Gefahren zu schützen.

In zwei Jahren wird mit der ConRad 2021 die 24. Medizinische A-Schutz-Tagung stattfinden. Zu dieser lud Oberstarzt Prof. Dr. Port schon jetzt alle Anwesenden ein.

Die Abstracts der ConRad 2019 stehen auf den folgenden URL zum Download zur Verfügung:

 www.sanitätsdienst-bundeswehr.de  (Menü: Service -> Wehrmedizinischen Monatsschrift)

www.wehrmed.de (Menü: Institute).

Für die Verfasser

Oberregierungsrätin Dr. Tanja Popp
Institut für Radiobiologie der Bundeswehr, München
E.Mail: tanjapopp@bundeswehr.org 

[1]* Institut für Radiobiologie der Bundeswehr, München
In diesem Beitrag wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit z. T. auf eine geschlechtsbezogene Formulierung verzichtet. Gemeint sind jedoch stets beide Geschlechter.

[2] RENEB = Realising the European Network of Biodosimetry



Datum: 26.09.2019