Von ISAF zu RS – ­Sanitätsdienst in Afghanistan
Artikel: R. Schneider und V. Scheerer

Von ISAF zu RS – ­Sanitätsdienst in Afghanistan

Aus dem Einsatzführungskommando (Befehlshaber: Generalleutnant E. Pfeffer)

International Security Assistance Force

PhotoPatch SanEinsVbd Die Terroranschläge des 11. September 2001 in New York und Washington begründeten das Engagement der Staatengemeinschaft – auch Deutschlands – am Hindukusch, da die von den radikalislamischen Taliban gebildete Regierung die Anwesenheit der internationalen Terrororganisation Al Qaida, die als Drahtzieher der Anschläge galt, duldete. Das Petersberger Abkommen wurde Grundlage für die Resolution 1386 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen, der noch im selben Monat die Aufstellung der „International Security Assistance Force“ (ISAF) beschloss. Am 14. Januar 2002 beteiligten sich erstmals deutsche Soldaten an einer Patrouille in der kriegszerstörten Hauptstadt Kabul. Die Führung des ISAF-Einsatzes übernahm zunächst Großbritannien, das sich in einem sechsmonatigen Turnus mit anderen Nationen abwechselte. Erst 2003 ging die Führung der ISAF Mission an die NATO über. Auf Wunsch der afghanischen Regierung wurde das Operationsgebiet von ISAF im Herbst 2003 ausgeweitet, um auch außerhalb von Kabul für Sicherheit und Stabilität sorgen zu können. Bundeswehrsoldatinnen und – soldaten übernahmen daraufhin das von den USA eingerichtete Regionale Wiederaufbauteam („Provincial Reconstruction Team“, PRT) in der nordafghanischen Provinz Kunduz. Im Zuge der weiteren Ausweitung des ISAF-Mandates betrieb die Bundeswehr ab Sommer 2004 ein weiteres PRT in Fayzabad. Am 1. Juni 2006 übernahm Deutschland im Rahmen der Ausweitung des Operationsgebietes auf ganz Afghanistan als sogenannte „Lead Nation“ die Führung des damaligen Regionalkommandos Nord (RC-North) mit seinen neun Provinzen und einer Fläche von mehr als 162.000 Quadratkilometern. Dafür entstand das Camp Marmal; Hauptquartier des RC North, in Mazar-i Scharif, geführt durch einen deutschen General.

Der Einsatz stand unter der Prämisse, als Stabilisierungsmission zu fungieren. Zumindest für Deutschland weitete sich die Beteiligung an der ISAF-Mission schnell zum größten Einsatz in der Geschichte der Bundeswehr aus. Erstmals seit ihrer Aufstellung 1955 gerieten deutsche Soldaten in schwere Gefechte. Deutschland und seine Partnerländer zahlten für den Einsatz einen hohen Preis. 55 Bundeswehrsoldaten verloren in den dreizehn Jahren am Hindukusch ihr Leben, 35 von ihnen fielen durch Fremdeinwirkung. Hunderte Soldatinnen und Soldaten wurden körperlich und seelisch verwundet. Für Deutschland bedeutete dies aber noch mehr: Die Beteiligung am ISAF-Einsatz war wesentlicher Motor für den grundlegenden Wandel der Bundeswehr hin zu einer Einsatzarmee. Die Bundeswehr beteiligte sich mit bis zu 5.350 Soldatinnen und Soldaten am ISAF-Einsatz. Der Einsatz in Kunduz und Feyzabad wurden bereits vor Ende des ISAF-Mandates beendet. 

Zum 31. Dezember 2014 wurde die NATO-Mission ISAF beendet und in die Ausbildungsmission „Resolute Support“ (RS) überführt.

Sanitätsdienst bei ISAF

PhotoEinsatzlazarett Mazar-i Scharif Die sanitätsdienstliche Versorgung zu Beginn des Einsatzes (ISAF) erfolgte durch einen Sanitätseinsatzverband im Camp Warehause Kabul. Dieser war in einen Stabs-/ Stabsversorgungszug, eine Klinik-Kompanie und MEDEVAC-Kompanie gegliedert. Der Personalumfang betrug ca. 200.

Auftrag der sanitätsdienstlichen Kräfte war die Versorgung der ISAF-Truppen. Das Feldlazarett, wie das Einsatzlazarett zunächst genannt wurde, war aus Zelten und Containern der Modularen Sanitätseinrichtung errichtet und verfügte über Fähigkeiten fast aller klinischen Fachgebiete (Role 3). Die MEDEVAC-Kompanie war zunächst u. a. mit Transportpanzer-Fuchs sowie Krankenkraftwagen ausgestattet. Zu Beginn dieses Einsatzes war der Transport in ungeschützten Fahrzeugen noch möglich. In Termez (Usbekistan) als Kopplungspunkt zwischen strategischem Transport und Umstieg auf taktischen Lufttransport wurde eine Sanitätsstaffel zur truppenärztlichen Versorgung sowie eine „Remain-Over-Night-Einrichtung“ als „Casuality-Staging-Unit“ mit der Möglichkeit der intensivmedizinischen Behandlung im Rahmen Übergabe STRAIRMEDEVAC stationiert.

In Kunduz wurde die sanitätsdienstliche Versorgung zunächst ebenso in Modularer Sanitätseinrichtung in der Aufbauvariante Rettungszentrum sowie MEDEVAC-Anteilen gewährleistet. Im neu errichten Camp konnte dann das Rettungszentrum in fester Infrastruktur („Stein auf Stein“) sichergestellt werden. In Feyzabad erfolgte ebenfalls der Aufbau eines Rettungszentrums, hier aus Fertigbauteilen (sog. Z-Containern) mit ballistischem Schutz plus weiteren MSE Anteilen wie z. B. OP- und Intensivmodul.

Mit Übernahme der Verantwortung im RC North musste die Verlagerung des Sanitätseinsatzverbandes erfolgen, so konnte im Jahr 2007 das Einsatzlazarett in gehärteter Infrastruktur (Raum-Module) in Betrieb genommen werden.

Die Sanitätsmaterialversorgung erfolgte unter maximaler Ausprägung des ISAF-Mandats über einen erstmalig etablierten Basisversorgungspunkt (BVP) als „In-Theatre“-Drehscheibe für das Einsatzgebiet Afghanistan. Dabei beinhaltete der Versorgungsauftrag zu Spitzenzeiten neben der für den Standort Mazar-i Scharif originär zuständigen Apotheke auch die PRT Kunduz und Feyzabad, welche ebenfalls über eine eigene Apotheke verfügten. Zusätzlich waren die Standorte Termez und Kabul zu versorgen. Für diesen Auftrag waren unter Berücksichtigung der Aufgaben der Lebensmittel- und Trinkwassersicherheit bis zu 6 Apotheker zeitgleich eingesetzt.

Neben der rein sanitätsdienstlichen Versorgung und Sicherstellung der Rettungskette für die eigenen Kräfte (plus „Coalition Forces“) wurden im Rahmen freier Kapazitäten u. a. Beratungsleistungen und auch Ausbildung für die afghanischen Partner erbracht. Es erfolgten Beratungen bzgl. der Strukturierung klinischer Abläufe, Reinigungs- und Desinfektionspläne für Kliniken und die Unterstützung mit dringend benötigtem Sanitätsmaterial sowie die Hilfe bei der Reparatur und Wartung von medizinischem Gerät. Später beteiligten sich Angehörige des Sanitätsdienstes auch an dem erweiterten Auftrag „Observer Mentor Liaison Teams“ bei dem Sanitätspersonal aktiv die afghanischen Counterparts besuchte und in deren Aufgabenerfüllung unterstützte bzw. ausbildete und anleitete. Hier wurden auch erste weitere strukturelle Beratungsleistungen erbracht, die den Aufbau des militärischen afghanischen Sanitätsdienstes unterstützen sollten.

Resolute Support

Ziel von Resolute Support ist es, die afghanischen Sicherheitskräfte dabei zu unterstützen, Sicherheit in ihrem Land zu gewährleisten. Dieser NATO-Einsatz hat einen gegenüber ISAF deutlich reduzierten personellen Gesamtumfang (ca. 15.000 Soldatinnen und Soldaten). Neben den NATO-Mitgliedstaaten beteiligen sich noch 14 weitere Nationen als sogenannte operationelle Partner an diesem Einsatz. Deutschland übernimmt als Rahmennation weiterhin in Mazar-i Scharif eine besondere Verantwortung. Weitere rund 20 Nationen sind zusammen mit Deutschland im Norden Afghanistans tätig. Das Camp Marmal in Mazar-i Scharif ist die Basis des deutschen Kontingents und des, durch einen deutschen Brigadegeneral geführten, „Train, Advise and Assist Command North“ (TAAC-N)“. Darüber hinaus leisten heute weitere deutsche Soldatinnen und Soldaten in Kabul, Kunduz und Bagram ihren Dienst.

Die sanitätsdienstliche Versorgung im Camp Marmal erfolgt durch eine Sanitätseinsatzkompanie, die multinational sowohl im MEDEVAC-Bereich sowie im Einsatzlazarett als Role 2 Enhanced unterstützt wird. Derzeit leisten dort 100 Angehörige des Sanitätsdienstes der Bundeswehr Dienst, die multinationale Unterstützung beträgt ca. 50.

In Kunduz wird keine Behandlungseinrichtung, lediglich eine Damage-Control-Surgery Unit (DCSU) betrieben. Danach erfolgt der umgehende taktische AIRMEDEVAC-Transport mittels CH 53 oder C 130 (USA) nach Mazar-i Scharif oder in das von den USA betriebene Lazarett in Bagram als Role 3.

In Kabul wiederum erfolgt die sanitätsdienstliche Versorgung neben einer deutschen Role 1, die in der Infrastruktur der US-Versorgungseinrichtung Role 2 örtlich eingesetzt ist, auch durch amerikanische und britische Truppenärzte.

Neben der rein sanitätsdienstlichen Aufgabe beteiligen sich die Sanitätskräfte aber ebenso an der Unterstützung und in der Beratung zur sanitätsdienstlichen Ausbildung der afghanischen Kräfte. Hier insbesondere auf der Ebene des 209. Korps in Mazar-i Scharif und des 217. Korps in ­Kunduz. Hierzu verfügt das TAAC-N über Functional Medical Advisor/s (deutsch und multinational), die an den Standorten Mazar-i Scharif und Kunduz die jeweiligen ANDSF-Sanitätseinrichtungen unterstützen (z. B. in Mazar-i Scharif das Regional Military Hospital, in Kunduz das Kunduz Trauma Center innerhalb des Camp Pamir).

In den fast 20 Jahren in Afghanistan wurde der Sanitätsdienst massiv gefordert. Unter diesen Anstrengungen hat sich die sanitätsdienstliche Versorgung wie die gesamte Bundeswehr entsprechend weiterentwickelt:

Bedeutung des Lufttransportes

PhotoGliederung 2019 / Multinationalität Bei der Zunahme der Zahl deutscher Standorte in Afghanistan und den zunehmenden Bewegungen deutscher Soldaten in der Fläche außerhalb der Feldlager in den ersten Phasen von ISAF zeigte sich, dass bei langen und schlechten Wegstrecken, der Geografie des Landes und einer Zunahme der Intensität des militärischen Konfliktes diese Zeitlinien nicht einhaltbar waren, wenn der Patiententransport vom Ort der Verwundung zu Behandlungseinrichtungen oder zwischen Einrichtungen nur rein bodengebunden erfolgte. Hier konnte der Einsatz von Hubschraubern mit notfallmedizinisch qualifiziertem Bordpersonal drohende Versorgungslücken verhindern und ermöglichen, dass Aufträge in einer größtmöglichen Fläche wahrgenommen wurden. Nahm die Aufgabe MEDEVAC in den ersten Phasen des Einsatzes das Hubschraubermuster CH 53 aus Usbekistan, später aus Mazar-i ­Scharif und zeitweise zusätzlich vorstationiert aus Kunduz heraus wahr, wurden im Norden Afghanistans ab 2010 durch DEU, USA, und zeitweise SWE und DNK Luftfahrzeuge so flächendeckend stationiert, dass in den Operationsräumen Soldaten jederzeit sicher innerhalb einer Stunde nach Notruf vom Schadensort, auch aus laufenden Gefechtshandlungen heraus, zur ersten notfallchirurgischen Versorgung transportiert werden konnten. Die multinationale Kooperation erwies sich als beispielhaft erfolgreich. Auf DEU Seite bewährten sich in der MEDEVAC-­Rolle die Luftfahrzeugmuster CH 53 und der neu eingeführte NH 90. Die operative Einbeziehung der Hubschrauber führte zum verlässlichen Funktionieren der Rettungskette auch unter den besonderen Bedingungen des ISAF-­Einsatzes in Afghanistan.

“Damage Control Surgery”

Im Rahmen der Verringerung der Anzahl der ISAF-Standorte im Norden Afghanistans erhöhten sich die Entfernungen zwischen den verbliebenen Standorten mit medizinischen Behandlungseinrichtungen. Gleichzeitig wurde im Zuge der Implementierung des „Situational Awareness and Support Concepts“ (SASC) im RC North eine „Forward Deployable Task Force“ (FDTF) aufgestellt, die abseits der permanenten Stationierungsorte operieren konnte. Um vorgegebene Zeitlinien zur Versorgung von Verwundeten nicht zu überschreiten, wurden bereits im Einsatz befindliche leicht bewegliche Sanitätseinrichtungen zur notfallchirurgischen Erstversorgung (unter Rückgriff auf die Erfahrungen anderer Nationen im RC N) so deutlich in Umfang und damit im Transportgewicht verringert, dass eine äußerst kurzfristige Verlegung von Personal und Material mit wenigen Luftfahrzeugen und eine minimale Frist bis zur Inbetriebnahme möglich wurden. Mit dem so genannten „Luftlanderettungszentrum, leicht, alternative Aufbauvariante Damage Control Surgery Unit ISAF“ (kurz: DCS-U ISAF) wurde in Afghanistans Norden in 2012/ 2013 eine Fähigkeit geschaffen, die diesen Ansprüchen vollumfänglich Rechnung trug. Die Konzentration auf wesentliche Kräfte und Mittel, allerdings unter Reduktion der Durchhaltefähigkeit, erlaubte, schnellstmöglich eine temporäre notfallchirurgische Fähigkeit auch an entfernten Schwerpunkten zu etablieren und eine flexiblere Operationsführung zu ermöglichen. Die Erfahrungen mit der DCS-U ISAF fließen ein in Planungen luftbeweglicher und in kürzester Zeit verfügbarer Sanitätseinrichtungen für andere Einsatzgebiete und vergleichbare Anforderungen.

Multinationale Zusammenarbeit

Waren zu Beginn des Einsatzes die jeweiligen Verbände rein national aufgestellt, ist nunmehr die unmittelbare Zusammenarbeit innerhalb der Sanitätseinsatzkompanie multinational. Neben niederländischen MEDEVAC-Kräften werden im Bereich des Einsatzlazarettes in Mazar-i Scharif viele einzelne Spezialisten anderer Nationen eingesetzt. Deutsche Sanitätsoffiziere und Feldwebel zunächst der Fachrichtung Neurochirurgie und später Urologie werden seit Jahren in der USA Role 3 in Bagram erfolgreich eingesetzt. Zeitweise wurde amerikanische Hubschrauber des Typs BlackHawk mit deutschen Notfallmedizinern besetzt. Dieses Zusammenarbeiten hat sich bestens bewährt und führt auch zur Entlastung im eigenen nationalen Bereich.

Infrastruktur / Sanitätseinrichtungen

Zelte und Modulare Sanitätseinrichtungen sind für den Beginn eines Einsatzes bestens geeignet, um im relativ kurzen Zeitrahmen eine sanitätsdienstliche Versorgung zu gewährleisteten. Hierbei bietet sich eine Vielzahl von Aufbauvarianten zwischen „kleinen“ Rettungszentrum bis zum „großen“ Einsatzlazarett mit allen Facharztambulanzen und großer Pflegestation.

Dieses System ist allerdings wartungsintensiv und störanfällig. Entsprechend ist die Errichtung fester Infrastruktur schnellstmöglich abzuschließen. Das Einsatzlazarett in Mazar-i Scharif hat dies eindrücklich unter Beweis gestellt und gilt als Blaupause für künftige feste Infrastruktur des Sanitätsdienstes im Einsatz.

 

Für die Verfasser:
Oberstarzt Dr. Roland Schneider
JMED Einsatzführungskommando
Werderscher Damm 21 - 29
14548 Schwielowsee
E-Mail: Roland2Schneider@bundeswehr.org 

Alle Abbildungen: Einsatzführungskommando

 

Datum: 20.01.2020

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 4/2019