Artikel: V. Scheerer und R. Schneider

Die Beobachtermissionen: ­Sanitätsdienstliche Herausforderungen

Aus dem Einsatzführungskommando (Befehlshaber: Generalleutnant E. Pfeffer)

PhotoEinsatzersthelfer B Rucksack Tasmanian Tiger Move On Deutschland beteiligt sich mit Einzelpersonal als Militärbeobachter, Militärberater, Verbindungsoffizier und als Stabspersonal an Missionen der Vereinten Nationen (VN) sowie (bei Bedarf/auf Anforderung) der Europäischen Union und der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa.

Aktuell sind ca. 40 Soldatinnen und Soldaten in die Missionen der Vereinten Nationen bei UNAMID im Sudan, UNMISS im Süd-­Sudan, MINUSMA in Mali, MINURSO in Marokko, Westsahara und bei UNMHA im Jemen entsandt, mit einer grundsätzlichen Stehzeit im Einsatz von 12 Monaten .

Diese Soldatinnen und Soldaten sind als Einzelpersonal zur Überwachung von Waffenstillstands- oder Friedensverträgen, zur Beratung von ausländischen Streitkräften oder als Verbindungsoffiziere zu den verschiedenen Akteuren in den Einsatzgebieten, aber auch als Fachpersonal in den Stäben der jeweiligen Missionen eingesetzt. 

Darüber hinaus werden bis zu 10 DEU Soldatinnen und Soldaten mit VN-Ausbildung und VN-Erfahrung für einen Zeitraum von jährlich jeweils bis zu 2 Wochen als In-Mission-Team (IMT) zur Ausbildung von Mitgliedern der Stäbe aus den fünf „Hochrisiko-­Missionen“ der VN in Afrika (MONUSCO in der Demokratischen Republik Kongo, MINUSCA in der Zentralafrikanischen Republik, UNMISS, UNAMID und MINUSMA) am VN-Ausbildungszentrum in ENTEBBE, Uganda eingesetzt. Im Anschluss wird auf Anforderung der Missionshauptquartiere diese Ausbildung fortgesetzt in den Force- und Sector-Headquarter (FHQ und SHQ) in den Missionsgebieten.

PhotoIND Level 2-Sanitätseinrichtung TOMPING, JUBA, Südsudan Die oben genannten Missionsgebiete stellen allesamt sehr hohe Anforderungen an die körperliche und geistige Fitness. Temperaturen bis zu 50 Grad, Trockenheit, Sandstürme oder monsunartige Regenfälle sind an der Tagesordnung. Die oftmals nur rudimentäre Verkehrsinfrastruktur in den Krisengebieten, die sehr großen Entfernungen zwischen den Teamsites sowie die witterungsbedingten Einschränkungen lassen oftmals kein Fortkommen über Land zu. Checkpoints hindern zudem oftmals weiteres Passieren.

Dementsprechend ist der bodengebundene Verwundetentransport häufig eingeschränkt bzw. zu zeitaufwändig. Erforderlicher Lufttransport steht alternativ grundsätzlich zur Verfügung. Die vorhandenen Hubschrauber sind jedoch nicht ausschließlich in der „MEDEVAC“-Rolle vorgehalten, sondern müssen im Bedarfsfall erst umgerüstet werden, da sie in der Regel für Personal- oder Materialtansporte eingesetzt werden. Freigaben für den Flug durch die VN oder durch die lokalen Behörden liegen oftmals nur zeitverzögert vor, so dass die zeitlichen Vorgaben einen Verwundeten oder Verletzen spätestens nach 2 Stunden einer chirurgischen Versorgung zuzuführen, häufig nicht erfüllbar sind.

Neben dieser erhöhten Gefährdung bei verzögerter Rettungskette sind darüber hinaus besonders die infektions-epidemiologischen Herausforderungen zu nennen.

PhotoLevel 1-Sanitätseinrichtung UN-HOUSE, JUBA, Süd-Sudan Grundsätzlich sind die Soldatinnen und Soldaten aufgrund des Status Einzelpersonal bei den VN auf Selbstverpflegung und eigene Unterbringung angewiesen, so dass hierbei besondere Gefahren auch durch die Ernährung drohen.

Um der genannten Einschränkung der sanitätsdienstlichen Versorgung sowie dem erhöhten infektionsepidemiologischen Risiko zu begegnen, wird das entsandte Personal zum Einsatzersthelfer B ausgebildet und durch die Abteilung J Med des EinsFüKdoBw im Rahmen der einsatzlandspezifischen Ausbildung mit einem Rettungsrucksack mit entsprechender Ausstattung ausgestattet, so dass die Erstversorgung bestmöglich erfolgen kann.

Das designierte Personal wird im Rahmen des sanitätsdienstlichen Briefings über die Versorgungslage im Einsatzgebiet und Maßnahmen zum persönlichen Gesundheitsschutz informiert, mit zusätzlicher persönlicher Ausrüstung (u. a. Moskitodom, imprägnierte Tropenkleidung) und mit Medikamenten ausgestattet. Diese beinhalten u. a. ein Antibiotikum und, wenn im Einsatzgebiet notwendig, Medikation zur Malariachemoprophylaxe für den gesamten Einsatzzeitraum, welche erst nach erfolgter Aufklärung ausgehändigt werden.

Im Falle einer Erkrankung kann dann in Ergänzung zur ärztlichen Versorgung vor Ort und anhand des persönlichen Handvorrates – ggf. nach telefonischer Beratung durch J Med, durch den tropenmedizinischen Bereitschaftsdienst des Fachbereiches Tropenmedizin des Bundeswehrkrankenhaus Hamburg oder den Tropenmedizinern des Kdo SanDstBw, wenn erforderlich, eine spezifische Behandlung eingeleitet werden.

Nach Rücksprache Abt J Med mit dem Patienten und den fachlich zuständigen klinischen Fächern kann eine weitere medizinische Abklärung und Behandlung in Deutschland notwendig werden, nach der in vielen Fällen eine Rückkehr in das Einsatzgebiet möglich ist. In einzelnen Fällen muss jedoch aufgrund der Schwere der Erkrankung, dem protrahierten zeitlichen Verlauf der Genesung oder der gesundheitlichen Gefährdung im Einsatz dieser dann vorzeitig beendet werden.

Nach Einsatzende wird jeweils zusätzlich zur Rückkehreruntersuchung durch den Truppenarzt aufgrund der höheren gesundheitlichen Gefährdung in den Einsatzgebieten in den VN-Missionen in Afrika die tropenmedizinische Rückkehreruntersuchung im Fachbereich Tropenmedizin empfohlen und durchgeführt.

Die sanitätsdienstliche Versorgung der VN-Mission United Nations Mission in South Sudan (UNMISS) wird im Folgenden detaillierter dargestellt:           

In der VN-Mission UNMISS im Südsudan sind sechs DEU Soldaten am Standort des Force Headquarters (FHQ) in JUBA und bis zu neun in der Fläche als DEU Einzelpersonal auf den VN Operating Bases an wechselnden Standorten und auf mehrtägigen Patrouillen eingesetzt.

An den peripheren VN Operating Bases im Süd-Sudan erfolgt über die truppenstellenden Nationen wie z. B. Ruanda, Äthiopien, Ghana, Indien, Pakistan, Sri-Lanka, China, Nepal, Mongolei oder Bangladesch die truppenärztliche Versorgung Level 1.

Eine chirurgische und fachärztliche Versorgung erfolgt durch eine indische Level 2 in JUBA und MALAKAL, durch Sri-Lanka in BOR, durch China in WAU und durch Vietnam in BENTIU. 

Für den MEDEVAC-Lufttransport sind fünf Mi-8 Hubschrauber mit einem Aero Medical Evacuation Team (AMET) materiell und personell ausgestattet, stationiert in AWEIL, BENTIU, RUMBEK, BOR und TORIT. Fünfzehn weitere Hubschrauber werden zu Transportzwecken genutzt, von diesen können drei (in MALAKAL, WAU und JUBA) erst umgerüstet werden, bevor sie zu medizinischen Transportzwecken genutzt werden können.

Darüber hinaus stehen acht Flugzeuge für CASEVAC/MEDEVAC zur Verfügung. Der Transport in eine weitergehende Versorgung Level 3 wird außerhalb des Landes in ENTEBBE, Uganda oder in NAIROBI, Kenia durch die VN sichergestellt, von dort kann in nationaler Verantwortung, wenn erforderlich, ein STRATAIRMEDEVAC durchgeführt werden.

Am Force Headquarters (FHQ) im Feldlager UN-HOUSE in JUBA, Süd-Sudan, findet die erste sanitätsdienstliche Versorgung in einer zivilen UN-Level 1-Ambulanz in einem Festbau statt. Hier kann z. B. eine schnelle Malariadiagnostik im Labor durchgeführt werden, für eine notfallchirurgische Versorgung ist ein Operationssaal mit Schleuse eingerichtet, die Blutprodukte stammen von der Firma Sanquin® in den Niederlanden. Die Sauerstofflaschen werden aus Uganda importiert. Die Einrichtung hat eine Kapazität für zwei beatmungspflichtige Patienten und 5 Überwachungsbetten für maximal 24 Stunden. Die indische Level 2-Einrichtung ist in ca. 10 km Entfernung über eine Schlaglochpiste mit einem nicht gepanzerten, handelsüblichen Ambulanzfahrzeug in ca. 40 Minuten erreichbar.

Zusammenfassend sind die zu den VN entsandten Soldatinnen und Soldaten einem grundsätzlich höheren gesundheitlichen Risiko ausgesetzt und auf die sanitätsdienstliche Versorgung durch Einrichtungen der VN angewiesen.

Die besondere Einsatzvorbereitende Ausbildung sowie die Nachbereitung tragen dieser höheren Gefährdung Rechnung. 

 

Abkürzungen:

UNMISS:     United Nations Mission in South Sudan
UNAMID: United Nations Mission in Darfur
MINUSMA: Mission multidimensionnelle intégrée des Nations Unies pour la stabilisation au Mali
MINURSO: Mission des Nations Unies pour l’organisation d’un référendum au Sahara occidental
UNMHA: United Nations to Support Hudaydah Agreement
MONUSCO: Mission de l‘Organisation des Nations unies pour la stabilisation en République démocratique du Congo
MINUSCA:   Mission multidimensionnelle intégrée des Nations Unies pour la stabilisation de la République centrafri­caine

 

Für die Verfasser:
Oberfeldarzt Dr. Volker Scheere
Einsatzführungskommando der Bundeswehr
Werderscher Damm 21 - 29
14548 Schwielowse
E-Mail: VolkerScheerer@bundeswehr.org 

Alle Abbildungen: Einsatzführungskommando der Bundeswehr

 

Datum: 19.02.2020

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 4/2019