Die Einsätze der Deutschen Marine
Artikel: V. Hartmann

Die Einsätze der Deutschen Marine

Aus dem Direktorat Ausbildung und Lehre (Direktorin: Oberstarzt Dr. M. Harf) der Sanitätsakademie der Bundeswehr (Kommandeurin: Generalstabsarzt Dr. G. Krüger)

Bis zum Jahre 1989 spielte die Marine eine bedeutende Rolle bei der Landes- und Bündnisverteidigung in der Ost- und Nordsee und zur Sicherung der logistischen Verbindungen zwischen Europa und den USA im Nordatlantik. Die Einheiten der Flotte konnten dabei in zahlreichen weltweiten Seefahrten und Hafenbesuchen große internationale Erfahrung gewinnen.

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands und der Übernahme ehemaliger Sanitätssoldaten und Sanitätsoffiziere der Volksmarine in die Deutsche Marine begann im August 1990 mit dem Einsatz des Minenabwehrverbandes „Südflanke“ im Mittelmeer bzw. im Arabischen Golf auch die bis heute anhaltende Phase weltweiter Auslandseinsätze der Marine. Der Minenabwehrverband hatte zunächst den Auftrag, im östlichen Mittelmeer Präsenz zu zeigen. Nach Ende der Kampfhandlungen (2. Golf-Krieg) verlegte der Verband im Februar 1991 in den Arabischen Golf. Dort begann ein internationaler Minenräumeinsatz, bei dem bis Sommer 1991 mehr als 1.000 Minen unschädlich gemacht wurden. Obwohl offiziell als humanitäre Hilfe deklariert, war die Operation Südflanke tatsächlich der erste der Bundeswehr unter Feindbedrohung.

PhotoOperativer Eingriff im inzwischen zerstörten MERZ des EGV Frankfurt am Main. (Abb.: Dr. Hartmann) Es folgten 1992 - 96 im Zuge des aufflammenden Balkan-Konfliktes mit nachfolgenden Wirtschaftssanktionen der UN gegen Serbien / Montenegro die Embargo-Operation „Sharp Guard“ im Mittelmeer und 1994 der erste „JOINT Einsatz“ mit teilstreitkraftübergreifenden Mitteln: Während der „Operation Southern Cross“ führte die Marine 1.492 Soldaten der deutschen UNOSOM-Truppe von Mogadischu in Somalia nach Mombasa in Kenia zurück. Nach dem Einbau von 200 zusätzlichen Kojen auf der „Köln“, „Karlsruhe“, „Nienburg“ und „Spessart“ wurden die Truppen in insgesamt sechs Transportumläufen zurückgeführt. An zusätzlichen Kräften befanden sich der Senior Medical Officer (SMO), der damalige LSO Zerstörerflottille Flottillenarzt Dr. Apel, ein Chirurg mit beigefügtem operativen Instrumentarium und einige Sanitäter an Bord der Fregatten bzw. auf den Trossschiffen des Verbandes. Ein Anästhesist fehlte. Der Operationsbefehl sah lediglich eine erweiterte truppenärztliche Versorgung für Schiffsbesatzungen und Heeressoldaten während der Überfahrt vor. Die fachärztliche Weiterbetreuung sollte durch amerikanische Marineverbände sichergestellt werden, ein Umstand, der vor Ort jedoch auf Schwierigkeiten stieß, weil der der US-Pazifik-Flotte entstammende Befehlshaber der US-Navy Zusagen aus Washington nicht autorisiert hatte.

Im Einsatzgebiet eingetroffen zeigte sich schnell, dass es auch auf sanitätsdienstlichem Gebiet ein wesentlich größeres Aufgabenspektrum als ursprünglich vorgesehen zu bewältigen galt. Unter anderem musste eine ständige SAR / MEDEVAC Bereitschaft mit sanitätsdienstlicher Kapazität bereitgestellt werden. Die vier „Sea Lynx“-Helikopter, davon einer in Sanitätsversion, halfen bei der Überwachung des Rückmarschweges von Belet Uen nach Mogadischu. Außerdem befand sich ständig eine Fregatte vor der somalischen Hauptstadt in einer EVAC Bereitschaft einschließlich sanitätsdienstlicher und fernmeldetechnischer Komponenten. Auch die klinische Versorgung des sich langsam reduzierenden Heereskontingentes war, typisch für jedes Ende einer Landoperation, nur noch einschränkt aufrechtzuhalten. Eine chirurgische Versorgungsebene an Bord war daher dringend geboten. Die durch den LSO vorab vorgenommenen Erhöhungen der sanitätsdienstlichen Ressourcen trugen entscheidend zur erfolgreichen Auftragserfüllung bei. Zusammenfassend zeigte dieser Somalia-Einsatz der Marine jedoch, dass auch in Hinsicht der sanitätsdienstlichen Versorgung sehr improvisiert und in der Zusammenarbeit mit Heereskontingent und Sanitätsdienst Neuland beschritten wurde. Weitergehende Überlegungen zur Beschaffung größerer Versorger mit Helikopterplattformen hatten hier ihren Ursprung.

Bereits bei diesen frühen Auslandseinsätzen stand der Marinesanitätsdienst vor neuen Herausforderungen: Der Sicherstellung wirksamer präventivmedizinischer Strategien für die Besatzungsangehörigen vor den Einsätzen in entfernten Seegebieten, der Einrichtung einer suffizienten allgemeinmedizinischen Versorgung an Bord durch speziell ausgebildete Schiffsärzte und der Etablierung von Bordfacharztgruppen zur ersten chirurgischen und prolongierten intensivmedizinischen Behandlung. Diese Einflussgrößen spielen bis heute bei der Sicherstellung einer hochtechnologischen Individualmedizin auch in den Schiffslazaretten eine entscheidende Rolle bei die Planung und Durchführung einer adäquaten sanitätsdienstlichen Versorgung in See. Seit Januar 2002 beteiligte sich die Deutsche Marine an Überwachungseinsätzen im Mittelmeer (Active Endeavour), den Meerengen von Gibraltar (STROG) und an dem Einsatz „Operation Enduring Freedom“ (OEF) am Horn von Afrika in einer von den USA geführten Koalition. Ostafrika liegt seither mit im Fokus verschiedener Einsätze der deutschen Marine. 

Marineflieger operierten zeitweise von einer Basis in Mombasa/Kenia und später von französischen Flughäfen in Djibouti aus. Bis zum Ende des Einsatzes OEF im Dezember 2014 standen am Horn von Afrika ständig mindestens eine Fregatte und ein in Djibouti stationiertes Landkommando, die „MLBE“ (Marine-Logistik-Basis-Einsatzland) zur Verfügung, die logistisch und sanitätsdienstlich unterstützten. Den Besatzungsangehörigen der Schiffe wurde vor Ort eine qualitativ sehr hohe sanitätsdienstliche Versorgung zur Verfügung gestellt. Auf der Fregatte befand sich neben dem Schiffsarzt, der auch in der Funktion eines SMO, „Senior Medical Officers“, fungierte, ständig eine Bordfacharztgruppe mit einem Zahnarzt, Chirurg und Anaesthesist. Zusätzlich standen seit November 2001 an Bord der beiden ­Einsatzgruppenversorger „Berlin“ und „Frankfurt am Main“ je ein Marineeinsatzrettungszentrum (MERZ) als sanitätsdienstliche Versorgungseinrichtung für eine erweiterte chirurgische und prolongierte intensivmedizinische Behandlung zu Verfügung. 

Bisher wurden die Marineeinsatzrettungszentren (seit 2015 neuer Begriff: Rettungszentrum SEE) bei sieben Einsätzen voll aktiviert, u. a. bei der Operation „Enduring Freedom“ in der Arabischen See, bei einer geplanten militärischen Evakuierungsoperation vor Westafrika und in einer für humanitäre Hilfe modifizierten Einsatzkonfiguration nach dem Tsunami vor Sumatra. Im Herbst 2006 folgte eine weitere Aktivierung des MERZ auf der „Frankfurt“ im Rahmen des ersten bis heute anhaltenden maritimen UN Einsatzes UNIFIL vor der Küste des Libanon. Im Frühjahr 2009 wurde das MERZ der „Berlin“ aktiviert, als bei dem 2008 implementierten Anti-­Piraten-Einsatz ATALANTA vor der Küste Somalias eine Geiselbefreiungsoperation durch Spezialkräfte vorgesehen war. Zusammenfassend füllt die Indienststellung dieser in der deutschen Marinegeschichte völlig neuartigen medizinischen Komponente die Lücke zwischen der sanitätsdienstlichen Erstversorgung durch die originären Bordsanitätseinrichtungen der Kampfschiffe und der abschließenden klinischen Versorgung an Land. Die inzwischen drei Einsatzgruppenversorger bieten somit mit ihrer großen logistischen und sanitätsdienstlichen Kapazität, ihren Helikoptern vielfältige Einsatzmöglichkeiten. Seit Beginn der Flüchtlingskrise im Mittelmeer und dem Beginn des Kampfes gegen den Islamischen Staat im Jahre 2015 ist auch die Marine mit Einheiten und entsprechenden Sanitätskomponenten vor Ort im Einsatz.

Für den Marinesanitätsdienst, der nach der Umstrukturierung des Sanitätsdienstes der Bundeswehr vom Grunde auf, sich auf die sanitätsdienstliche Versorgung der schwimmenden Einheiten und der verbliebenen Marinefliegerkräfte der Flotte konzentriert, war es ein weiter Weg von seinen Anfängen in der Ostsee bis hin zu den Küsten des Libanon oder Ostafrikas.


Flottenarzt Dr. Volker Hartmann
Sanitätsakademie der Bundeswehr
Neuherbergstr. 11
D-80937 München
E-Mail: VolkerHartmann@Bundeswehr.org 

Datum: 02.03.2020

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 4/2019