„Rückbesinnung auf Effektivität und Robustheit“
Interview

„Rückbesinnung auf Effektivität und Robustheit“

Interview mit Herrn Oberstapotheker Arne Krappitz, Leitender Apotheker der Bundeswehr

WM: Herr Oberstapotheker, welche neuen Herausforderungen sehen Sie im Hinblick auf die Vorbereitung des Szenarios Landes- und kollektive Bündnisverteidigung auf die Wehrpharmazie der Bundeswehr zukommen?

Oberstapotheker Krappitz: Die Bundeswehr war in den letzten Jahrzehnten primär auf das Internationale Krisenmanagement ausgerichtet. Dies betrifft gleichermaßen auch alle drei Säulen der Wehrpharmazie: die Pharmazie, die Lebensmittelchemie und die Sanitätsmateriallogistik. Gleichzeitig war die bisherige  PhotoOberstapotheker Arne Krappitz (Abb.: V. Hartmann) Entwicklung geprägt durch die Ausrichtung auf die höchstmögliche Effizienz. So wurde die langjährig praktizierte Bevorratung großer Mengen Sanitätsmaterial in einer Vielzahl von breit in der Fläche ausgebrachten Hauptdepots und Außenlagern von einer effizienteren und kostengünstigeren Bereitstellungslogistik (just in time) abgelöst. Auf diese Weise konnte eine qualitativ hochwertige sanitätsdienstliche Versorgung sichergestellt werden.

Durch die stärkere Ausrichtung auf die Fähigkeiten zur Landes- und Bündnisverteidigung müssen nun Prioritäten neu festgelegt werden. Um bei einer verstärkten Verantwortungsübernahme im Bündnis weiterhin handlungsfähig zu bleiben, ist eine Rückbesinnung auf Effektivität und Robustheit zu Lasten der Effizienz erfor­derlich. Für den Fall einer kurzfristigen Alarmierung der Streitkräfte müssen beträchtliche Mengen Sanitätsmaterial in kurzer Zeit verlegefähig zur Verfügung stehen.

Die besondere Herausforderung bleibt, zusätzlich neben den be­stehenden Aufgaben eine durchhaltefähige, robuste und bruchfreie Sanitätsmaterialversorgung für Großverbände im Kampfeinsatz mit hoher Intensität sicherzustellen. Dabei müssen die hohe Beweglichkeit der Gefechtsführung und die Dislozierung von Kräften im Raum berücksichtigt werden. Die dafür notwendigen mobilen logistischen Einrichtungen (Basisversorgungspunkt Sanitätsmaterial [BasVersPkt SanMat] und Unterstützungspunkt Sanitätsdienst [UstgPkt SanDst]) sind noch in der Rüstungsphase und müssen dringend realisiert werden.

Die Ausrichtung auf die Landes- und Bündnisverteidigung betrifft in gleicher Weise auch die Pharmazie und die Lebensmittelchemie als Teil der Force Health Protection. So leistet die Wehrpharmazie mit den lebensmittelchemischen Untersuchungen schon immer einen entscheidenden Beitrag zur Sicherstellung der Versorgung der Angehörigen der Bundeswehr mit qualitativ hochwertigen und gesundheitlich unbedenklichen Lebensmitteln. Zukünftig wird uns hier das Thema „Food Defense“ gemeinsam mit der Veterinärmedizin intensiv beschäftigen. Im eigenen Bereich des Referates Lebensmittelchemie kann ich feststellen, dass hinsichtlich der Einsatzverpflegung, der bundeswehrspezifischen Bedarfsgegenstände oder der Lebensmittelstabilität die Planungen zur Landes- und Bündnisverteidigung entsprechend berücksichtigt werden. Neben dem logistischen Prozess bei der Lebensmittelversorgung muss es uns gelingen, Mechanismen zu etablieren, um gesundheitliche Gefahren über die gesamte Lieferkette auszuschließen. Im Zuge der Planungen zum Fähigkeitsprofil haben wir deshalb die Ausrichtung der toxikologischen Untersuchungen in Lebensmitteln, in Bedarfsgegenständen und im Trinkwasser durch die Rüstung einer hochmobilen Komponente angestoßen.

Zusammenfassend kann ich Ihnen aber sagen, dass die Wehrpharmazie als Teil des Sanitätsdienstes alle Planungskategorien – ob Ressourcen, Infrastruktur oder Rüstung – aktiv auf die Landes-und Bündnisverteidigung ausgerichtet hat und wir nicht müde werden, unsere diesbezüglichen Forderungen entsprechend einzubringen. 

PhotoDer leitende Apotheker der Bundeswehr, Oberstapotheker Arne Krappitz, im Gespräch mit dem Chefredakteur, Flottenarzt Dr. Volker Hartmann, und der Verlegerin, Heike Lange (Abb.: Beta Verlag) WM: Wie sehen Sie die Wehrpharmazie für diesen neuen Schwerpunktauftrag der Bundeswehr mit Blick auf die personellen Rahmenbedingungen und die Verfügbarkeit aufgestellt?

Oberstapotheker Krappitz: Die Neuausrichtung der Bundeswehr wieder hin zur Landes- und Bündnisverteidigung betrifft natürlich auch die Wehrpharmazie in all ihren Teilbereichen. Es wurden bisher zahlreiche Planungen, sowohl das Personal als auch das Material betreffend, durchgeführt, wichtige Weichen gestellt und notwendige Schritte eingeleitet. Die größten Veränderungen in der Wehrpharmazie sind aufgrund der großen Bandbreite an geforderten Qualifikationen im Bereich der Sanitätsmaterialogistik zu verzeichnen.

Das benötigte Personal reicht in der Ausbildungshöhe von Kraftfahrern über Pharmazeutisch-Technische Assistenten bis hin zu Apothekern und staatlich geprüften Lebensmittelchemikern – um nur einige zu nennen –, die alle innerhalb dieses Bereiches unverzichtbar sind. Diese immense Bandbreite des Personals führt direkt zum nächsten Punkt: die große Herausforderung bei der Personalgewinnung auf Grund des demographischen Wandels. So konkurrieren wir mit dem zivilen Markt um qualifizierte Fachkräfte, die teilweise nur in geringer Anzahl zur Verfügung stehen.

Daher müssen wir attraktiv bleiben, um auch mittel- und langfristig ausreichend Kräfte zur Bewältigung der vielfältigen Aufgaben bereitstellen zu können. So ist der Beruf des Apothekers in Deutschland mittlerweile zwar ein Engpassberuf, die Personallage bei den Sanitätsoffizieren Apothekern aber nach wie vor sehr gut.

Wirklich dringender Handlungsbedarf besteht bei unseren ­Ver­sorgungs- und Instandsetzungszentren Sanitätsmaterial ­(VersInstZ SanMat). Deren Sollorganisation aus dem Jahr 2010 bedarf dringend einer adäquaten Anpassung mit Blick auf den seither stattgefundenen Aufgabenzuwachs. Als Grundlage hierfür ­können u. a. die im Rahmen der aktuellen Stärken- und Schwächenanalyse durch das Kommando Sanitätsdienstliche Einsatzunterstützung (Kdo SanEinsUstg) dokumentierten Ergebnisse herangezogen werden. Ferner gilt es, die aus der Fortschreibung des Fähigkeitsprofils der Bundeswehr abzuleitenden, gestiegenen Personalstärken (einschließlich der Ausplanung eines vierten ­VersInstZ SanMat!) umfänglich zu berücksichtigen. 

WM: Gibt es aus Sicht der Wehrpharmazie konkrete Erkenntnisse und Erfahrungen aus der Übung „Trident Juncture 2018“?  

Oberstapotheker Krappitz: Die gibt es sehr wohl. Im Rahmen der NATO-Übung Trident Juncture 2018, die im Schwerpunkt eine Verlegeübung darstellte, wurden für den Bereich der Wehrpharmazie jeweils bereits verfügbare Kernfunktionalitäten eines ­BasVersPkt SanMat sowie eines UstgPkt SanDst (als Teile der wehrpharmazeutischen Säulen der Pharmazie und Sanitätsmateriallogistik) nach Norwegen verlegt, aufgebaut und getestet. Ebenfalls wurde ein lebensmittelchemisches Labor (als Teil der wehrpharmazeutischen Säule der Lebensmittelchemie) verlegt sowie der vor Ort innerhalb des multinationalen Stabes eingesetzte Medical Advisor mit der Fachexpertise eines Sanitätsoffiziers Apotheker unterstützt.

Gerade im Bereich der Sanitätsmateriallogistik konnten im Hinblick auf die Ausrichtung auf die Landes- und Bündnisverteidigung wertvolle Erkenntnisse gewonnen werden, die sich so vielschichtig zeigen wie die Wehrpharmazie an sich. Da das Personal des BasVersPkt SanMat und des UstgPkt SanDst die Infrastruktur selbstständig aufbauen muss, wurde zum Beispiel u. a. die Notwendigkeit weiterer Spezialisierungen und Ausbildungen des Personals erkannt Weiterhin konnte durch Trident Juncture 2018 die Zweckmäßigkeit und Durchhaltefähigkeit des eingesetzten Materials bewertet und z. B. Anpassungen im Bereich des Ersatzteilvorrates vorgenommen werden. Auch das Üben mit den logistischen Kräften der anderen militärischen Organisationsbereiche, das Einüben von Verfahrensabläufen und das Zusammenspiel mit anderen Nationen haben wichtige logistische Erkenntnisse erbracht.

Zwei wesentliche Erkenntnisse bleiben zusammenfassend festzuhalten. Zum einen hat sich gezeigt, dass ausreichend dimensionierte, eigene logistische Einrichtungen eine wesentliche Voraussetzung für eine robuste und durchhaltefähige Sicherstellung der Auftragserfüllung des Sanitätsdienstes im Einsatz sind. Zum anderen hat sich bestätigt, dass die VersInstZ SanMat (hier Quakenbrück – gilt aber auch für Blankenburg und Pfungstadt) deutlich zu schwach aufgestellt sind, um parallel zu derartigen Übungen die Grundversorgung aufrechtzuerhalten

WM: Was steckt hinter dem Begriff der „Versorgungsrate“ als fachlicher Berechnungsgrundlage im Szenario Landes- und kollektive Bündnisverteidigung und wie werden entsprechende Mengengerüste definiert?

Oberstapotheker Krappitz: Eine Versorgungsrate oder kurz VR ist die Menge eines bestimmten Versorgungsgutes, die erforderlich ist, um den Verbrauch eines Truppenteils für einen Tag zu decken. Im Rahmen meiner Zuständigkeit als Leitender Apotheker der Bundeswehr betrachte ich im Schwerpunkt das Sanitätsmaterial.

Die angenommenen Ausfallraten an einem Tag mit Kampfhandlungen stellen ein wesentliches Planungsrational für die Bedarfsberechnung von Sanitätsmaterial dar. Ein in einem solchen ­Szenario verwundeter Soldat wird entlang der Rettungskette versorgt, beginnend mit der Selbst- und Kameradenhilfe. Abhängig vom Verletzungsmuster leiten sich die erforderlichen Maßnahmen sanitätsdienstlicher Versorgung ab. Durch die notwendigen Operationen und Behandlungen sowie die Pflege und den Transport der Patienten wird ein bestimmter Bedarf an Arzneimitteln und Medizinprodukten generiert. Ziel dabei ist es, den Umfang des Sanitätsmaterials, welches bei Vollauslastung der Behandlungskapazität einer Sanitätseinrichtung benötigt wird, in der richtigen Menge zur richtigen Zeit festzulegen. 

WM: Welche Überlegungen und Herausforderungen gibt es insbesondere aus logistischer Sicht bezüglich der Nutzung steriler Einweg- bzw. Mehrweg-Medizinprodukte im Rahmen der zukünftigen sanitätsdienstlichen Versorgung? 

Oberstapotheker Krappitz: Für die Entscheidung zur Anwendung von Einweg- oder Mehrweg-Medizinprodukten sind natürlich vorrangig medizinische Erwägungsgründe zu berücksichtigen. Beide Optionen, ob Einweg- oder Mehrweg-Medizinprodukt, haben ihre Vor- und Nachteile und stellen spezifische Anforderungen an die logistische Kette. Aus dem Blickwinkel der Logistik ist hier zunächst festzuhalten, dass eine Versorgung mit sterilen Medizinprodukten grundsätzlich sowohl mit Einwegartikeln als auch mit Mehrwegartikeln sichergestellt werden kann.

Das Für und Wider möchte ich exemplarisch kurz aufzeigen. So verursachen Einwegartikel am Ort der Verwendung ein deutlich höheres Aufkommen an zumeist infektiösem Abfall, der nach­folgend einer sachgerechten Entsorgung zugeführt werden muss. Im Gegenzug entfällt bei diesen Artikeln die bei sterilen Mehrwegartikeln notwendige aufwändige Aufbereitung, die im ­Übrigen innerhalb eines engen zeitlichen Korridors begonnen werden muss. Ob und wo eine normenkonforme Aufbereitung – also eine Reinigung, Verpackung und Sterilisation – der Medizinprodukte im Einsatz überhaupt möglich ist, hängt von vielen Faktoren ab. In diesem Kontext stellen sich unter anderem Fragen wie: ist eine akzeptable Infrastruktur, ausreichend Wasser in geeigneter Qualität sowie genügend Strom verfügbar und können wir qualifiziertes Personal in der für die Aufgabenerfüllung erforderlichen Anzahl einsetzen? Allein unter diesen Aspekten wird eine Aufbereitung steriler Medizinprodukte in unmittelbarer räumlicher Nähe des Verwendungsortes regelmäßig eher nicht möglich sein. Gegebenenfalls ist jedoch ein Umlauf dieses Sanitätsmaterials realisierbar und sinnvoll. Diesbezüglich wären wiederum entsprechende Umlaufreserven und Zeitläufe zu berücksichtigen. 

WM: Ein wesentliches Element der ersten Schmerzbekämpfung im Gefecht war und ist bis heute der Morphin-Autoinjektor. Wie sehen Sie die Versorgungslage mit den Injektoren und gibt es Überlegungen, eine mögliche Eigenproduktion zu etablieren? 

Oberstapotheker Krappitz: Die adäquate Ausstattung unserer Soldatinnen und Soldaten im Einsatz mit Morphin-Autoinjektoren (MAI) zur Behandlung starker und stärkster Schmerzen im Rahmen der Selbst- und Kameradenhilfe ist seit dem erfolgten Lieferstopp seitens des US-amerikanischen Herstellers Meridian Medical Technologies im Jahr 2013 zunehmend in den wehrpharmazeutischen Fokus gerückt.

Zwei Aspekte sind inzwischen maßgeblich für die aktuelle Situation. Zum einen nehmen die bundeswehreigenen Bestände in Folge des kontinuierlichen Einsatzbedarfes ab. Diese Abnahme resultiert dabei nicht aus dem Verbrauch in der Selbst- und Kameradenhilfe, sondern vorrangig aus klimatischen wie auch mechanischen Einflüssen im Einsatzalltag, welche die Qualität der MAI beeinträchtigen. Zum anderen sind Autoinjektoren, die arzneimittelrechtlich zugelassen sind, nicht auf dem Markt verfügbar. Beide Faktoren führen dazu, dass sich die Versorgungslage bei den MAI zunehmend verschlechtert. Vor diesem Hintergrund wurde im Jahre 2015 die mittelfristige Schaffung von Fähigkeiten zur Eigenherstellung von Autoinjektoren in der Bundeswehr (neben MAI auch Atropin- und Atropin/Obidoxim-haltige AI) in der Herstellungsstätte Ulm initiiert. Dieses wichtige Projekt wird seitdem mit Hochdruck durch die Steuergruppe „Herstellung von Sanitätsmaterial in der Bundeswehr“ verfolgt, sodass wir nach aktuellem Planungsstand voraussichtlich im Jahr 2023 die ersten selbstgefertigten MAI in Händen halten werden.

Um bis zum Erreichen der eigenen Herstellungsfähigkeiten die Versorgungssicherheit weiter aufrechtzuerhalten, werden unsererseits derzeit zahlreiche Anstrengungen hinsichtlich möglicher Überbrückungsbeschaffungen von in Deutschland nicht zugelassenen Produkten auf Basis der Arzneimittelgesetz-Zivilschutzausnahmeverordnung unternommen. Bevor unsere Soldaten übergangsweise mit derartigen AI versorgt werden können, werden die vorgelegten Daten zur pharmazeutischen Qualität zum einen durch unsere eigenen Arzneimittelfachleute, aber auch durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte als deutscher Zulassungsbehörde geprüft und bewertet. 

WM: Welche Vorteile bietet eine verstärkte zivil-militärische Zusammenarbeit zwischen dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe für den Sanitätsdienst der Bundeswehr und insbesondere die Wehrpharmazie? 

Oberstapotheker Krappitz: Die zivil-militärische Zusammenarbeit zwischen dem Sanitätsdienst der Bundeswehr und dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) gewinnt unter den neuen Rahmenbedingungen zur Landes- und Bündnisverteidigung zunehmend an Bedeutung, denn das BKK spielt im integrierten Hilfeleistungssystem unseres föderalen Bundesstaates eine wichtige Rolle. Der Bevölkerungsschutz im Bündnis- und Verteidigungsfall ist ja im Artikel 73 Abs. 1 Nr. 1 des Grundgesetzes sowie bezüglich der Sanitätsmaterialbevorratung im § 23 des Zivilschutz- und Katastrophenhilfegesetzes (ZSKG) geregelt. Demnach hat der Bund für die gesundheitliche ­Versorgung der Bevölkerung im Verteidigungsfall ergänzendes Sanitätsmaterial zur Verfügung zu stellen, welches die Bundesländer zusätzlich in ihre Katastrophenschutzvorsorge mit einplanen können. Insofern hat das BKK eine ähnliche Aufgabe für die Zivilbevölkerung wie wir für unsere Soldatinnen und Soldaten.

Nach meinem Dafürhalten ist eine strategische Sanitätsmaterialbevorratung in Deutschland für die Zukunft unabdingbar. Dabei bin ich überzeugt, dass es uns nur gemeinsam gelingen kann, wieder ausreichende Bestände an wichtigen Arzneimitteln und Medizinprodukten aufzubauen und verfügbar zu haben. Hierbei stehen die Indikationen Volumensubstitution, chirurgische Erstversorgung und Analgesie nachvollziehbarerweise im Fokus. Die Zusammenarbeit mit dem BBK liegt mir deshalb am Herzen und ich denke, dass wir mit unseren Überlegungen zu essentiellen Arzneimitteln und Medizinprodukten bereits wichtige Grundlagen erarbeitet haben, die auch für das BKK von Interesse sind. Im Übrigen sind entsprechende Vorräte dann natürlich auch soweit wie irgend möglich zeitgemäß und regelhaft zu wälzen, um die anfallenden Kosten möglichst gering zu halten. 

WM: Nahezu alle Auslandseinsätze sind heute multinational geprägt. Ebenso sind die einsatzgleichen Verpflichtungen und auch die Strukturen in der Landes- und kollektiven Bündnisverteidigung nahezu ausschließlich multinational ausgebildet. Gibt es Überlegungen und Ansätze einer entsprechenden gemeinsamen Sanitätsmaterial- und Arzneimittelversorgung zwischen den Nationen? 

Oberstapotheker Krappitz: Eingangs möchte ich feststellen, dass es bereits jetzt in nahezu allen laufenden Auslandseinsätzen der Bundeswehr multinationale Zusammenarbeiten in Rahmen der sanitätsdienstlichen Versorgung gibt, die auch einen Austausch und die gegenseitige Anwendung von Arzneimitteln und Medizinprodukten umfassen. Ich denke hier zum Beispiel an die deutsch-niederländische Behandlungseinrichtung der Ebene 1 zu Beginn des Einsatzes MINUSMA in GAO oder die Unterstützung Belgiens im Rahmen des Forward Air Medevacs ebenfalls in GAO. Deutsche Soldatinnen und Soldaten werden in GAO durch eine französische Behandlungseinrichtung der Ebene 2 versorgt und die Bundeswehr versorgte kanadische Kräfte vor Ort mit Blutprodukten. Aber auch in Afghanistan werden mit einem deutschen Einsatzlazarett und Damage Control Surgery-Units andere Nationen sanitätsdienstlich unterstützt. Dieses Zusammenarbeiten findet im Rahmen eines burden sharings und tailored to mission statt.

Dennoch bleibt die Sanitätsmateriallogistik gemäß den aktuellen NATO-Vorgaben, wie der MC 0326/4 (NATO Principles and ­Policies of Medical Support) und der AJP-4.10 (Allied Joint Doctrine for Medical Support), primär in nationaler Verantwortung, sodass wir gerade vor dem Hintergrund der stärkeren Wichtung auf die Landes- und Bündnisverteidigung weitere Anstrengungen unternehmen müssen, um die sanitätsmateriallogistische Versorgung resilient, robust und effektiv aufzustellen.

Darüber hinaus unternehmen wir jedoch vielfältige Anstrengungen, um die multinationale Zusammenarbeit auf dem Feld der Sanitätsmateriallogistik zu verstärken und zu verbessern. Den Ansatz einer vertieften internationalen Zusammenarbeit bringt die Wehrpharmazie auch über die in NATO-Gremien (Working Groups und Panels) eingesetzten Sanitätsstabsoffiziere Apotheker ein, die sich mit dem vereinfachten Austausch von Arzneimitteln und Medizinprodukten befassen. 

WM: In der Öffentlichkeit werden seit geraumer Zeit Lieferengpässe von Arzneimitteln, wie Antibiotika oder auch Analgetika thematisiert. Wie ist hier der Sanitätsdienst der Bundeswehr, auch in Hinsicht auf die Bevorratung, aufgestellt?

Oberstapotheker Krappitz: Mit dieser Frage kommen wir zu einem sehr spannenden und hoch aktuellen Thema. Welcher Patient möchte schon im Notfall oder im Rahmen seiner Dauermedikation auf eine medikamentöse Therapie verzichten – wohl niemand! Wenn ich an die Meldungen im letzten Jahr denke, so war ich erschrocken, als Propofol nicht in ausreichender Menge zur Verfügung stand und Operationen verschoben werden mussten. Um das Thema von Lieferengpässen einmal grundlegend aufzuarbeiten und zu diskutieren, haben wir mit meinen Sanitätsoffizieren Apothekern beim letzten Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Wehrmedizin und Wehrpharmazie e. V. in Leipzig einen Workshop durchgeführt und das Thema mit Vertretern wichtiger nationaler Einrichtungen, der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA), des BKK sowie ziviler Kolleginnen und Kollegen ausführlich diskutiert und von verschiedenen Seiten beleuchtet – schließlich betrifft das Thema uns alle.

Der Sanitätsdienst ist derzeit dahingehend relativ gut versorgt, da wir einerseits langfristige Lieferverträge mit den pharmazeutischen Firmen abschließen und in unseren Sanitätsmaterial­lagern, Versorgungs- und Instandsetzungszentren SanMat und Bundeswehrkrankenhausapotheken hinreichend Material für die derzeit bestehenden Versorgungsaufgaben vorrätig halten. Gänzlich sind aber auch bei uns, z. B. im klinischen Alltag, Engpässe nicht völlig vermeidbar, sodass es durchaus sein kann, dass wir bei den von Ihnen angesprochen Antibiotika oder Analgetika auf Ausweichartikel zurückgreifen müssen, da auch wir in vielen Bereichen von dem aktuellen Geschehen auf dem zivilen Markt abhängig sind. 

Eines muss uns allen bewusst sein: da die Herstellung der Wirkstoffe derzeit nahezu ausnahmslos in Asien erfolgt, sind wir vollständig von diesem Markt abhängig und dies hat strategische Auswirkungen nicht nur auf die Bundeswehr, sondern auf Deutschland und Europa. Ich persönlich begrüße daher auch den Vorstoß, eine zumindest teilweise Rückverlagerung der Produktion wichtiger Arzneistoffe sowie die Ansiedlung zusätzlicher Fertigungsstätten in Deutschland und Europa in einem europäischen Ansatz anzugehen. 

WM: Herr Oberstapotheker, wir danken für das sehr informative Gespräch und wünschen Ihnen und der Wehrpharmazie nur das Beste für die anstehenden Herausforderungen. 

Datum: 06.04.2020

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 1/2020